Linda Conze, die Neue im Ehrenhof Düsseldorf

Interview : Linda Conze, die Neue im Ehrenhof

Interview Die Leiterin der fotografischen Abteilung im Kunstpalast interessiert sich für die Historie.

Linda Conze (34) ist die neue Abteilungsleiterin für Fotografie am Kunstpalast. Sie stammt aus Tönisvorst, besuchte das humanistische Arndt-Gymnasium in Krefeld und bewahrt im Familienalbum ein Foto, wo die Eltern sie als Baby ins Haus Esters und Haus Lange mitnahmen. Dennoch studierte sie nicht etwa Kunst oder Kunstgeschichte, sondern Geschichte an den Universitäten in Hamburg und Berlin. Ihr Werdegang hat einige Besonderheiten. Auch ihre Ansichten über Fotografie gehen über die Kunstfotografie weit hinaus.

Sie sind die erste Abteilungsleiterin am Haus, die keine Kunsthistorikerin, sondern Historikerin ist. Was interessiert Sie an Geschichte, die Sie wissenschaftlich betrieben haben?

Conze: Schon meine Masterarbeit schrieb ich über ein privates Fotoalbum aus dem Nationalsozialismus. Mich interessiert die Rolle dieses Mediums im politischen Umbruch zwischen Weimar und dem Nationalsozialismus, also 1933 bis 1945.

Auch in Ihrer Dissertation, die noch nicht fertig ist, beschäftigen Sie sich mit dieser Zeit. Haben die Fotografen, die nicht ausgewandert sind, weitergemacht? Ich denke an August Sander oder Alfred Renger-Patzsch.

Conze: Es haben extrem viele Fotografen weiter fotografiert. Renger-Patzsch hat Industrie-Fotografie, Typenfotografie und Fotos zur Landschaft fortgesetzt. Es geht darum, wie sich die Fotografie an neue Bedingungen und neue Notwendigkeiten angepasst hat. Es gilt zu fragen, worin diese Anpassung in den Bildern bestand. Das betrifft Emil Nolde, der im Augenblick viel diskutiert wird, genauso wie Arno Breker. Man muss sich genau anschauen, was sich in den Bildern geändert hat. Man kann nicht nur von der Gesinnung ausgehen.

Wie definieren Sie die Fotografie?

Conze: Sie ist ein Medium, das viele unterschiedliche Disziplinen berührt, soziologische, historische, kunsthistorische und naturwissenschaftliche. All diese Kontexte gab es vor der fotografischen Kunst.

Ich habe den Eindruck, dass Sie Ihren Feinschliff in der fotografischen Praxis durch Ihr Stipendium bekamen. Wie kam es zum Aufenthalt im Getty Research Center?

Conze: Das Stipendium war für Museumskuratoren im Bereich der Fotografie ausgeschrieben, galt für zwei Jahre und kam über die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Ich wurde ans Museum Folkwang, ans Münchner Stadtmuseum, ans Dresdner Kupferstich-Kabinett und ans Getty Research Institute in Los Angeles geschickt. Es war tatsächlich ein Feinschliff, weil ich mit so unterschiedlichen Kuratoren zusammenarbeitete. Florian Ebner setzte sich mit der Gegenwart und den politischen Bedingungen auseinander. Ulrich Pohlmann war durchdrungen von der Kunstgeschichte. Und das Getty Research Institute in LA ist ein Think Tank, in dem konzentriert und sehr breit mit der wahnsinnigen Sammlung geforscht wird.

Worum ging es im Kupferstichkabinett in Dresden?

Conze: Die Direktorin Stephanie Bruck forschte über Timm Rauterts „Bildanalytischer Photographie“ (1968–1974). Es war sein erstes, sehr konzeptuelles Werk, wo er die Fotografie grundsätzlich reflektiert. Es ging um reproduzierende Medien wie die Fotografie.

Sie werden nun in Düsseldorf die Sammlung Kicken bearbeiten. Kennen Sie Annette Kicken?

Conze: Ich habe sie zweimal kurz getroffen. Ich bin in zwei Wochen verabredet, um mich länger mit ihr zu unterhalten. Darauf freue ich mich, denn ich habe viele Fragen.

Sie nennen sich Leiterin. Gibt es denn eine Foto-Abteilung?

Conze: Die Idee ist, die fotografische Sammlung gleichberechtigt neben den anderen Sammlungen zu etablieren. Sie war bisher eine Unterabteilung von Grafik und Moderne.

Gibt es archivalische Voraussetzungen?

Conze: Der Kunstpalast hat im Depot Worringer Straße einen leer stehenden Raum neu eingerichtet. Eine Klimaanlage sorgt dafür, dass die Bilder nicht wärmer als 17 Grad sind. Und auch für eine regelmäßige Luftfeuchtigkeit ist gesorgt. Das neue Depot entspricht allen Richtlinien.

Wie viele Fotos sind im Altbestand?

Conze: Ich schätze, 600 oder mehr. Nicht alle Fotos von früher befinden sich in unserer Datenbank. Ich kenne noch nicht die Inventarbücher. Es gibt wohl verschiedene Verzeichnungsorte. Da ist es schwer, einen Überblick zu bekommen. Es sind auf alle Fälle schöne Sachen darunter.

Nun zur Sammlung Kicken. Es gibt böse Zungen, die unken: Felix Krämer habe ja schon eine Sammlung Kicken für Frankfurt angekauft. Bei den Ankäufen für Düsseldorf könnte es sich doch nur noch um Reste oder Dubletten handeln. Ist das so?

Conze: Eine Restesammlung schließe ich definitiv aus. Es ist eine tolle eigenständige Sammlung. Wir haben Schwerpunkte in der Neuen Sachlichkeit und im Neuen Sehen, also beim russischen Konstruktivismus und in der Bauhaus-Fotografie. Für Düsseldorf ist das alles neu. Interessant ist aber auch, dass die Sammlung in verschiedensten Kontexten besteht, sie hat etwa Röntgenaufnahmen ohne Autorenschaft.

Ein Teil der Sammlung wurde verkauft, der andere geschenkt. Gibt es Unterschiede?

Conze: Mir erschließen sich da keine Unterschiede.

Sie haben kleine Fotos. Wie machen Sie daraus im Jahr 2020 eine schöne Ausstellung? Wir sind Großformate von Gursky gewöhnt.

Conze: Ich schätze das kleine Bild sehr. Durch ein übertriebenes Format und eine übertriebene Schärfe kann auch mal was Interessantes passieren, aber ansonsten gewinnt doch Kunst nicht durch Größe. Ich liebe die frühen kleinen Gurskys.

Wollen Sie alle 3000 Blätter zeigen?

Conze:Natürlich nicht. Ich muss eine repräsentative Auswahl treffen und an weitere Ausstellungen denken.

Und was ist mit Afork?

Conze: Es ist ein eigenes Projekt, das an die Moderne angebunden ist.

Zu Ihrem Status im Haus: Als Abteilungsleiterin gehören Sie zum Verbund des Kunstpalastes?

Conze: Genau. Ich bin Angestellte des Kunstpalastes und werde über Drittmittel finanziert.