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Leiter des Asphalt-Festivals​: „Wir versuchen, über die Kunst zu verführen“​

Asphalt-Festival in Düsseldorf : „Unsere Formate sind teilweise Experimente“

Zehn Jahre Asphalt-Festival: Ein Gespräch mit den künstlerischen Leitern über Miteinander in der Stadt, Demokratie und Aufbruch.

In Ihrer Programmankündigung ist von einem „neuen Ton der Gegenwart“ die Rede. Wie klingt der?

Bojan Vuletic: Im Ton der Gegenwart steckt zweierlei: der Zustand der Gesellschaft von heute und morgen einerseits und die Kunst innerhalb einer gesellschaftlichen Entwicklung andererseits.

Christof Seeger-Zurmühlen: Der Ton ist grundsätzlich auch geprägt von Krisen, aktuell vom Krieg in der Ukraine. Im Kontext dieser großen Herausforderungen müssen wir uns darüber klar werden, was unser Auftrag ist als Raumöffner für Kultur, Dialog und Begegnung. Worüber wollen wir sprechen und worüber nicht?

Ist das die
Grundidee des Festivals?

Vuletic: Wir erfinden das Festival jedes Jahr neu, das ist ganz klar. Aber die Kernantriebspunkte sind geblieben: Wir glauben, dass Kunst und Kultur zentrale Bestandteile unseres Miteinanders sind.

Seeger-Zurmühlen: Es geht immer um aktuelle Fragen und um aktuelle Ästhetiken. Dadurch entstehen die Leitlinien innerhalb des Programms. Hinzu kommt, dass uns die Spannung des Nicht-Fertigen interessiert. Unübliche Orte, in die man nicht nur eintritt, um zu rezipieren, sondern um sich so auseinanderzusetzen. Wir versuchen, einerseits über den Spielort und andererseits über die Kunst zu verführen. Der Lustgewinn ist uns sehr wichtig. Das ist an einer Seebühne besonders schön.

Wie viel Laborhaftes steckt im Asphalt-Festival?

Seeger-Zurmühlen: Unsere Formate sind teilweise Experimente. Es gibt ganz viele Uraufführungen und Co-Produktionen, deren Ergebnis wir im Vorfeld nicht kennen. Das passt zu unserer Annahme, dass eine stetige Entwicklung innerhalb des Publikums existiert. Wir denken sehr stark darüber nach, mit welchen Formaten wir experimentieren können, sodass ein breites Publikum daran teilnehmen kann.

Vuletic: Wir möchten das Denken in Zielgruppen aufbrechen. Wenn wir einen Förderantrag ausfüllen, sollen wir immer ein Zielpublikum definieren. Wir streichen das jedes Mal durch und schreiben „alle“ hin. Wir möchten ja, dass alle zu uns kommen. 

Seit ein paar Jahren arbeiten Künstler verstärkt wie investigative Journalisten. Helge Schmidt und das Kollektiv Pièrre Vers zum Beispiel, die beim Festival dabei sind. Woran liegt das?

Seeger-Zurmühlen: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Helge Schmidt oder Pièrre Vers recherchieren teilweise zwei Jahre zu einem Thema. Dafür müssen Mittel bereitgestellt werden, damit die Künstler leben können. Das ist ja Arbeitszeit. Es ist wie beim Journalismus: Man sitzt vor einem weißen Blatt und hört erst einmal sehr lange Experten zu. Dann muss das in ein künstlerisches Format übersetzt werden. Das Ergebnis, das dann hervortritt, muss man nicht mögen. Aber man kann immer erkennen, dass sich da jemand konsequent in ein Thema hineinbegeben hat.

Zehn Jahre Asphalt-Festival, das ist ein kleines Jubiläum. Was gibt es Besonderes?

Seeger-Zurmühlen: Wir werden in diesem Jahr eine Open-Air-Bühne auf dem Gelände der Alten Farbwerke an der Ronsdorfer Straße aufbauen. Vier Tage lang werden dort vor einem größeren Publikum Konzerte gespielt. Das haben wir noch nie gemacht. Wir möchten uns damit auch bei Stadt, Land und unseren Trägern bedanken.

Was machen Sie anders als das klassische Theater?

Seeger-Zurmühlen: Wir verstehen Theater beziehungsweise Performing Arts als Übung in Demokratie. Das heißt auch, sich Kooperationspartner zu suchen, die sich mitten in der Gesellschaft bewegen. Mit unserem Theaterkollektiv Pièrre Vers arbeiten wir eng mit der Landeszentrale für politische Bildung zusammen und mit der Mahn- und Gedenkstätte. Wir spielen für Studierende, Polizisten und Schüler. Die Nachfrage ist extrem hoch.

Warum gelangen Schülerinnen und Studierende nicht von selbst ins Theater?

Vuletic: Bis in die 1990er-Jahre waren in unserer Demokratie Kultur und Bildung untrennbar miteinander verbunden. Jedes Kind musste mindestens ein oder zwei Mal im Jahr ins Theater. Das wurde irgendwann auseinanderdividiert. Kultur wurde zu Konsum reduziert. Wir haben vor ein paar Jahren für unser Stadtklavier-Projekt Klaviere gesucht. Ich hätte 50 Klaviere in einem Umkreis von 30 Kilometern einsammeln können, für 100 Euro das Stück. Instrumente waren einst zentraler Bestandteil eines bürgerlichen Haushalts. Jetzt brauchten die Leute die Klaviere nicht mehr, und diese Symbole des Bildungsbürgertums landen in den Kleinanzeigen.

Seeger-Zurmühlen: Vielleicht muss man Aufbruch radikaler denken.

2021 wurde in „Tanz“ von Floren­tina Holzinger einer Frau ein Metallhaken in die bloße Haut gejagt, an dem sie in die Luft gezogen wird. In diesem Jahr beschäftigt sich Doris Uhlig mit Schleim. Muss immer etwas Ekliges dabei sein?

Seeger-Zurmühlen: Ja! Was ist denn Ekel? Positiv oder negativ? Was für Sie eklig war, war für viele andere tief spürbar. Doris Uhlig folgt einer zeitgenössischen Logik. Sie arbeitet mit Körpern, die nicht ins Raster passen, auch mit körperbehinderten Menschen. Sie stellt den Körper in seiner Natürlichkeit dar. Es geht nicht um Provokation oder Ekel. Hat es vielleicht als Begleiterscheinung. Aber wenn man den Künstlerinnen zuhört, erkennt man, dass es ihnen um Empathie geht. Meine Schwiegermutter, die jetzt 80 Jahre alt ist, hat gesagt, nachdem sie „Tanz“ gesehen hat: „Das ist ja genial. Für diese Befreiung des Körpers haben wir schon in den 60er-Jahren gekämpft.“

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, in eine andere Stadt zu expandieren?

Vuletic: Es gab Anfragen, und der Gedanke interessiert uns.

Seeger-Zurmühlen: Du kannst in Essen oder Oberhausen nicht das Gleiche machen wie in München. Wenn man wirklich das Ohr an die Stadt legt, dann heißt es auch, sich darauf zu konzentrieren. Uns interessiert auch das Umland. Wir führen Gespräche dazu, wie man Kunst und Kultur in der Peripherie stärken kann.