Düsseldorf: Leanders Held heißt Schostakowitsch

Düsseldorf : Leanders Held heißt Schostakowitsch

Der 15-Jährige erhält Preise für seine Kompositionen. Auch die Berliner Philharmoniker spielen seine Werke.

Düsseldorf. Seine erste Partitur lässt Leander Ruprecht zu Hause liegen. Als er 2011 an der Clara-Schumann-Musikschule einen Kompositionskurs bei David Graham beginnt, ist er zwölf Jahre alt und noch nicht vorbereitet auf Kritik. Dem Lehrer sagt er, er habe die Arbeit vergessen mitzunehmen. Es dauert schließlich ein Jahr, bis er sie ihm vorlegt.

Sie setzen sich über das tonale Werk auseinander und als Graham zur Überarbeitung rät, fragt Leander: Und was, wenn dann immer noch nicht alles gut ist? „Dann schmeißt du dich aus dem Fenster.“ Humorvoll durchbohrt der britische Musikpädagoge die Selbstzweifel des talentierten Jungen und wird einer seiner besten Freunde.

Sie gehen Pizza essen, besuchen Konzerte, diskutieren über Musik und sprechen über das, was Leander noch erreichen will und schon erreicht hat. Der 15-Jährige ist Preisträger des Wettbewerbs „opus one“ der Berliner Philharmoniker, die sein Werk aufführten. Er hat mehrfach den deutschlandweiten Kompositionswettbewerb „Jugend komponiert“ gewonnen, zuletzt in diesem Jahr in Rheinsberg.

2014 wurde ein Orchesterstück von ihm in der Tonhalle uraufgeführt, im November ist dort eine weitere Komposition von ihm zu hören. „Es ist toll, wenn Musiker meine Noten aufklappen“, sagt Leander. „Zumal die Aufführung des eigenen Werks einen immer weiterbringt.“

Sein Großvater spielt Klavier und bringt ihm früh einfache Melodien bei. Als Leander sechs Jahre alt ist, erhält er einmal in der Woche Klavierunterricht. „Das war stets ein besonderer Tag. Ich bin morgens aufgewacht und habe gedacht: Wow, heute ist es wieder soweit.“ Während eines Konzerts wenige Jahre später trägt ein Schüler die Polka aus Schostakowitschs Tänze der Puppen vor. Leander ist hingerissen. Von da an heißen seine Helden Prokofjew, Bartók, und Schostakowitsch. „Die Musik der russischen Avantgarde gab mir gleich das Gefühl: Das will ich kennenlernen.“

Mit elf versucht er sich das erste Mal am Komponieren. Zufrieden ist er nicht, also erkundigt er sich, wie er besser werden kann. Der Sohn des Düsseldorfer Komponisten Thomas Blomenkamp sitzt mit ihm in einer Klasse am Cecilien-Gymnasium und stellt den Kontakt zum Vater her. Blomenkamp empfiehlt ihm die Kompositionsklasse von David Graham an der Clara-Schumann-Musikschule, in der schon Neunjährige die Kunst des Komponierens lernen.

Seit drei Jahren besucht Leander die Klasse regelmäßig. Wenn er jedoch seine Entwicklung seither rekapituliert, wird man den Eindruck nicht los, dass seine intellektuelle Beschäftigung mit der Musik im Zeitraffer vonstatten ging, so akkurat und blitzgescheit blickt er auf sich selbst. „Anfangs bin ich intuitiv vorgegangen, nach dem Motto: ,Jetzt will ich die Note, jetzt die’. Heute habe ich den Hörer im Auge und denke, es muss nicht alles in C-Dur sein, damit er fröhlich gestimmt ist.“

Leander sagt von seiner Arbeit, er „verfolge verschiedene Stile“. Seine allererste Komposition habe vielleicht „ein bisschen nach Schönberg“ geklungen. Die Werke der Russen sind ihm nach wie vor wichtig und ein Vorbild. „Aber ich kopiere nicht einfach die Klangoberfläche von Schostakowitsch, sondern nehme aus der Tiefe, was zu meinem Weg führt.“

Musik hört er ständig, sogar beim Zähneputzen. Große Werke im Hintergrund laufen zu lassen, ist in seinen Augen kein Sakrileg. „Die Verknüpfung mit dem Alltag macht die Anerkennung der Musik doch noch viel größer, als wenn man sie bloß in eine Vitrine stellt.“ Er schätzt vor allem klassische, aber auch Popmusik. Lana del Rey etwa. „Sie kann sehr gut Gefühle ausdrücken.“ Mozart ist hingegen nicht sein Fall. „Musik muss etwas existenziell in einem in Bewegung setzen. Mozart säuselt mir zu sehr. Aber mein Lehrer sagt, dass ich das eines Tages wohl anders sehen werde.“

David Graham denkt vor allem ganzheitlich. „Leander ist der tollste Schüler, den ich je hatte. Er komponiert wie ein Profi. Allerdings arbeitet er so, als hätte es Mozart und Bach nie gegeben. Diese Lücke wird er noch schließen müssen.“

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