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Kunstpalast-Direktor Krämer über Fotojournalisten und seinen Vater

Interview : Kunstpalast-Direktor Krämer spricht über Fotojournalisten – und seinen Vater

Der Generaldirektor am Kunstpalast äußert sich zu den berühmten und weniger berühmten Bildern seines Vaters und kanzelt Kunst-Kuratoren ab.

Felix Krämer, Generaldirektor am Kunstpalast, zeigt eine Ausstellung von Kriegsfotografinnen. Zeitgleich sind Bilder seines Vaters Volker Krämer, eines Fotojournalisten, in der Galerie Breckner zu sehen. Die Karriere von Krämer Senior begann am 21. August 1968 in Prag, als der 25-jährige Lokal-Fotograf der Rheinischen Post seine Verwandten besuchte und von den sowjetischen Panzern überrascht wurde, die den Prager Frühling niederwalzten. Seine Fotos gingen um die Welt, und der Düsseldorfer wechselte zum „Stern“ nach Hamburg. Am 13. Juni 1999 endete sein viel zu kurzes Leben mit 56 Jahren durch einen Kopfschuss am Dulje Pass, kurz nach Ende des Balkankriegs. Im WZ-Gespräch äußert sich Felix Krämer über das Werk seines Vaters und über die Zeitungsfotografie.

Fotojournalisten hatten bislang nichts in Kunsthäusern zu suchen. Sie galten als Randerscheinung. Läuten Sie eine Trendwende ein?

Krämer: Ob Bilder von Fotojournalisten Randerscheinungen sind, hängt vom Blick ab. Sie stehen mitten im Zentrum des Geschehens und sind stärker in der Gesellschaft verankert als die klassische Kunstfotografie.

Wollen Sie die Bilder dieser Fotografen mehr in den Vordergrund stellen?

Krämer: Ob ein Bild hergestellt wurde, weil der Fotograf sagt, er mache Kunst oder er mache sein Handwerk, ist eine subjektive Entscheidung. Das ist für mich als Rezipient egal. Wir als Museum sind ja auch zunächst Rezipienten. Ich habe nie verstanden, warum es bei manchen Kunsthistorikern so eine Arroganz gegen bestimmte Bildtypen gibt.

Was ist für Sie wichtig?

Krämer: Dass es ein gutes Bild ist. Der Kontext, aus dem es stammt, ist für mich erst einmal zweitrangig.

Wie beurteilen Sie die Einteilung in Kunst- und Journalistenfotografie?

Krämer: Sie ist total künstlich. Für Henri Cartier-Bresson und Robert Capa gehen die Kunsthistoriker heute aus Verehrung in die Knie; Cartier-Bresson wird selbstverständlich im Centre Pompidou gezeigt. Es kann aber nicht sein, dass ein Foto deshalb wertvoll ist, weil es 80 Jahre alt ist. Das Alter eines Bildes sollte nicht ausschlaggebend sein, ob wir es für Kunst halten oder nicht.

Ihr Ziel?

Krämer: Im Kunstpalast wird es nicht die letzte Ausstellung zur journalistischen Fotografie oder zur Modefotografie sein. Wir widmen uns mit offenen Augen dem Alltag und schauen, was uns das bietet. Wir wollen keine Scheuklappen.

Erinnert das nicht an die Art, wie Werner Lippert einst das NRW-Forum geführt hat?

Krämer: Ich habe Werner Lippert nur einmal getroffen, aber wir sind uns in unserer Arbeit vermutlich ähnlich. Er konnte inhaltlich etwas freier agieren, denn er hatte keine Sammlung. Wir haben bestimmte inhaltliche Verpflichtungen, aus der Sammlung und aus der Region heraus zu denken. Wir brauchen als Kunstmuseum der Stadt eine Verortung. Die Kriegsfotografinnen zeigen wir über unsere  Aufnahmen von Anja Niedringhaus.

Wie kam es zum Ankauf?

Krämer: Die Freunde des Museums tätigten dankenswerterweise den Ankauf.

Aber Sie regten ihn doch an?

Krämer: Ja, der Vorschlag kam von mir. Wir erwarben die Fotos von der Nachrichtenagentur AP, die die Rechte an Niedringhaus-Fotos hat. Mit dem Printer, der noch lebt, haben wir die Abzüge machen lassen.

Kommen wir zur Ausstellung Ihres Vaters aus dem Familien-Nachlass. Sie zeigt den Alltag, das Nachtleben, genau beobachtete Humoresken, aber auch Fotos vom 21. August 1968 in Prag. Wie kam es dazu?

Krämer: Mein Vater war mit meiner Mutter zu Besuch bei tschechischen Verwandten, als er am ganz frühen Morgen vom Dröhnen wach wurde, weil sowjetische Panzer über die Pflastersteine in Prag einmarschierten. Er hatte nur zwei Filme dabei, denn er wollte ja nur übers Wochenende bleiben. Wir kennen die Ausbeute beider Filme. Fast jedes Bild saß.

Zwei Bilder aus Prag gingen um die Welt. Eines zeigt einen blutverschmierten Jungen mit der Flagge in der Hand, der von einem anderen gestützt wird, während von dem dritten Menschen nur noch ein Schuh da ist. Und das Panoramabild der jungen Leute, die sich mit breit ausgestreckten Armen gegen die Invasoren stellen. Hat ihr Vater Ihnen davon erzählt?

Krämer: Das Bild ist mit dem Weitwinkel fotografiert, also sehr nahe. Die Leute sitzen auf einem Lastwagen, und mein Vater stand ihnen direkt gegenüber.

Wie ist er denn Fotograf geworden? Hat er eine Lehre gemacht?

Krämer: Ja, aber als Verlagskaufmann. Er hätte lieber eine Fotografenlehre gemacht, aber sein Vater bestand darauf, dass er etwas Anständiges machen solle. Als Fotograf war er Autodidakt. Für ihn war die Ausstellung The Family of Man von Edward Steichen entscheidend, die weltweit zu sehen war.

Was war ihm das Wichtigste in seinen Aufnahmen?

Krämer: Der Gesichtsausdruck. Beim Skatspiel im Park zeigt sein Foto, wie ein Kartenspieler dem anderen ins Blatt schaut, während ein Dritter stehend guckt. Es ging ihm um die Begegnung von Menschen untereinander.

Sein Handwerkszeug?

Krämer: Eine Leica-Kleinbildkamera.

Sprachen Sie mit ihm über seine Bilder?

Krämer: Es waren klassische Vater-Sohn-Gespräche, warum ein Bild funktioniert. Er hat Bilder nie beschnitten, und er hat die Szenen nie gestellt.

Zum Beispiel?

Krämer: Auf dem Düsseldorfer Flughafen landeten am 11. September 1965 die Rolling Stones zu ihrem ersten Auftritt in Deutschland, um in Münster zu spielen. 6000 Fans waren auf dem Flughafen, um bei der Landung dabei zu sein. Wir sehen ein Bild mit vor Wasserwerfern flüchtenden Menschen auf der Rollbahn, aber ein Pärchen hält beim Rennen Händchen. Später gibt es dann ein Bild aus der Halle Münsterland. Es blitzt ein Schlagstock auf, während in der zweiten Ebene des Bildes die Zuschauer stehen.

Hat er sich auch selbst fotografiert?

Krämer: Er war sehr zurückhaltend. Bei einem Foto zur Vorbereitung von Bodybuilding hat er sich am Rand eines Spiegels selbst aufgenommen. Er war uneitel, hat kaum Bücher publiziert und sich nicht um Ausstellungen gekümmert.

Was haben Sie von ihm gelernt?

Krämer: Die Leidenschaft für das Sehen.

Worin liegen seine Qualitäten?

Krämer: In der konzentrierten Beobachtung und im leisen Humor. Er hat alles fotografiert, eine Blumenverkäuferin ebenso wie die Unruhen in Haiti, die Schadow-Büste im VW-Käfer und die knutschenden Jugendlichen in der Disco. Er war immer zur richtigen Zeit am rechten Ort. Nur im Kosovo war er zur falschen Zeit am falschen Ort. Das kostete ihm das Leben.


Info: Galerie Breckner, Altestadt 6, bis 31.März. Am Samstag spricht Klas Libuda mit Felix Krämer über seinen Vater.