Kunstgeschichte: Dem Bildersturm auf der Spur

Kunstgeschichte: Dem Bildersturm auf der Spur

1937 beschlagnahmten die Nazis 1050 Kunstwerke in Düsseldorf — ein Thema bei der Nacht der Wissenschaften.

Düsseldorf. Meike Hoffmann ist Projektleiterin der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der FU Berlin. Sie rekonstruiert die Aktionen der Nazis in Düsseldorf und den Kunsthandel im Nazi-Deutschland und stellt ihre Ergebnisse bei der Nacht der Wissenschaften vor. Unterstützt wird sie von der Gerda-Henkel-Stiftung.

Frau Hoffmann, Sie forschen über den sogenannten Bildersturm in Düsseldorf von 1937. Was verstanden die Nazis unter „Entarteter Kunst“?
Hoffmann: Deutsche Kunst, die nach Meinung der Nationalsozialisten aus der Art geschlagen war. Darunter fielen in Düsseldorf Werke des Jungen Rheinland und des Rheinischen Expressionismus, auch einige Werke französischer Künstler. Aber die Aktion traf vor allem die deutsche Kunst.

Wie sind Sie vorgegangen?
Hoffmann: Wir haben alle Dokumente in den Bundesarchiven, in Museen und im Privatbesitz ausgewertet. Es war eine Besonderheit im föderalistischen Deutschland, dass sich in der Weimarer Republik so viele Museen der zeitgenössischen Kunst geöffnet haben. In England und Frankreich gab es solche Sammlungen nur in London und Paris. Die Moderne in öffentlichen Instituten wurde aber in Deutschland ab 1937 systematisch beschlagnahmt, dies wollen wir rekonstruieren.

Wie viel Werke fielen in Düsseldorf den Nazis zum Opfer?
Hoffmann: 21 000 Werke wurden in ganz Deutschland beschlagnahmt, in Düsseldorf ungefähr 1050 Werke, darunter über 100 Gemälde, aber nur zehn Skulpturen. Das entspricht dem Durchschnitt, denn moderne Bildhauerwerke wurden relativ wenig angekauft. Mataré war eine Ausnahme. Unter den Gemälden waren Werke von Lovis Corinth, Emil Nolde und Gert Wollheim. Es gab prominente Bilder wie die „Badenden Frauen“ von Franz Marc. Drei Werke von Corinth, Marc und Nolde wurden 1939 in der legendären Auktion „Meisterwerke der modernen Kunst aus deutschen Museen“ in Luzern versteigert. Bis 1941 wurden Werke über zentrale Kunsthändler ins Ausland verkauft. Ein Teil dieses Gutes verbrannte in Berlin oder gelangte auf kuriosen Wegen in die ganze Welt.

Hat Düsseldorf eine Chance, Werke zurückzubekommen?
Hoffmann: Nein. Die „Entartete Kunst“ aus öffentlichen Museen ist nicht restitutionspflichtig. Das legte die Washingtoner Konferenz ausdrücklich fest, weil bei der Beschlagnahme keine Person aus rassischen oder ideologischen Gründen betroffen war. Bei öffentlichen Institutionen hatte das Reich durchaus das Recht, diese Dinge sich selbst wegzunehmen. Das gilt nicht für Werke aus Privatbesitz.

Museumsgründer in Düsseldorf war Karl Koetschau. Wie war seine Sammlung?
Hoffmann: Koetschau wurde 1913 nach Düsseldorf berufen, aber der Museumsneubau am Ehrenhof war erst 1926 fertig. 1933 war alles vorbei. Er wollte, wie er sagte, ein Museum, das man gesehen haben muss, um über die deutsche Kunst Bescheid zu wissen. Er setzte einen regionalen Schwerpunkt, dazu gehörten eben auch Künstler wie Otto Dix. Er arbeitete mit Alfred Flechtheim zusammen, der 1913 seine Galerie in Düsseldorf eröffnete. Er wollte noch vor dem Krieg erste Werke auch der französischen Moderne ankaufen. Das verwehrte ihm aber die Ankaufkommission.

Waren die Düsseldorfer Kreise zu reaktionär?
Hoffmann: Erst mit Abdankung des Kaisers war es möglich, wirklich avantgardistische Kunst in den Museen aufzunehmen. Vorher fühlten sich die konservativen Kreise durch die Kunstpolitik des Kaisers bestärkt.

Sie erforschen auch den Kunsthandel bei den Nazis. Gab es in Düsseldorf Händler mit „Entarteter Kunst“?
Hoffmann: Ja, Hildebrand Gurlitt, der 1948 bis zu seinem Tode, 1956, den Kunstverein leitete. Er hat in Zwickau als Museumsleiter begonnen und wurde zweimal wegen seiner Einstellung zur modernen Kunst entlassen. Man hat ihn quasi in den Kunsthandel gedrängt.

Welche Lebensgeschichte steckt dahinter?
Hoffmann: Er war Vierteljude, musste also etwas unternehmen, um mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern in Deutschland zu bleiben. Er hat sich dann dem Reich angeboten, entartete Kunst aus deutschen Museen zu verwerten. Er wurde Chefeinkäufer unter Hermann Voss für den Sonderauftrag Führermuseum Linz. Zwei Jahre haben ihn die Alliierten festgesetzt und seine eigene Sammlung durchsucht. In Düsseldorf hat er noch vereinzelt Verkäufe getätigt. Auch nach seinem Tod sind vereinzelte Werke aus Familienbesitz in den Kunstmarkt gekommen, etwa Beckmanns „Löwenbändiger“ über das Kunsthaus Lempertz. Derlei Verbindungen versuche ich aufzudecken.

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