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Kunstakademie: Peter Piller übernimmt die Klasse von Andreas Gursky

Peter Piller übernimmt die Klasse von Andreas Gursky : „Ich saß jahrelang neben der Mülltonne“

Interview Ein Gespräch mit Peter Piller, der die Klasse von Andreas Gursky an der Kunstakademie übernommen hat.

Peter Piller (Jg. 1968) übernimmt die Professur für freie Kunst von Andreas Gursky an der Kunstakademie. Nach über zwölf Jahren verlässt er damit die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo er eine von vier Klassen für Fotografie geführt hatte. Berühmt wurde er nicht mit eigenen Aufnahmen, sondern mit Abbildungen aus Tageszeitungen, die er unter kuriosesten Titeln wie „Noch ist nichts zu sehen“ zusammenfasste. Ein Gespräch.

Herr Piller, Sie gehören zur seltenen Spezies von Künstlern mit Witz und Ironie. Wie halten Sie es mit dem Humor?

Piller: Humor war für mich immer eine Art von Überlebensstrategie. Eine Möglichkeit, um bestimmte Situationen im Leben nicht zu erleiden, sondern gut zu überstehen.

Warum haben Sie Leipzig verlassen, wo die dortige Akademie in der Fotografie so stark ist?

Piller: Ich bin im strengen Sinn kein Fotograf. Ich hatte eine Randprofessur, um Kontakte zu anderen Bereichen der zeitgenössischen Kunst herzustellen. Ich hatte mich auch mal anderswo beworben. Das klappte nicht. Ein weiteres Bewerbungsverfahren wollte ich mir nicht antun. Aber in meinem Freisemester im Februar kam der Anruf aus Düsseldorf. Ich fand es reizvoll, ein anderes Milieu kennenzulernen. Fotografie sollte ja nicht zeitlebens Schwerpunkt meines Interesses sein.

Sie sind immer wieder nach Hamburg zurückgekehrt. Werden Sie das auch von Düsseldorf aus tun?

Piller: Ich möchte nicht mein Leben lang pendeln. Ich kann mir vorstellen, in ein paar Jahren in die Nähe von Düsseldorf oder ins Ruhrgebiet überzusiedeln. Berlin wäre mir zu laut und zu groß.

Wie kamen Sie zur Fotografie?

Piller: Ich habe schon als Student fotografiert. Aber wie eine Kamera funktioniert oder was das Fotografische ist, hat mir keiner erzählt. Ich kam über die Medienagentur Carat zur Fotografie. Dort habe ich 20 Stunden pro gejobbt, weil ich mein Studium selber finanzieren musste.

Was machten Sie?

Piller: Ich war für die Anzeigenkontrolle zuständig und musste gucken, ob die Reklame wie gebucht auf Seite 3 oder versehentlich auf Seite 5 gedruckt war; dann gab es Abzug. Das Belegexemplar kam als ganze Zeitung zu mir auf den Schreibtisch und wanderte von dort in die Mülltonne. Ich saß quasi jahrelang neben der Mülltonne, trug Zeitungsbilder zusammen, begann ein eigenes Archiv und machte eine Buchreihe, denn das Produzieren von Künstlerbüchern spielt noch immer für mich eine große Rolle.

Wie reagierte man auf Ihre Sammelleidenschaft?

Piller: Mein Professor warnte: „Bilder zu sammeln, das hat doch schon Hans Peter Feldmann getan.“

Gibt es Unterschiede zum Konzeptkünstler Feldmann?

Piller: Vielleicht hätte ich ohne eine Figur wie Feldmann nicht den Mut gehabt, so eine Art von Arbeit überhaupt zu beginnen. Dafür muss ich dankbar sein. Ich war aber nie Nachfolger oder Konkurrent. Wir sind uns ein paar Mal begegnet, und es waren gute Begegnungen.

Der Unterschied zu Feldmann?

Piller: Bei mir spielt die Titelfindung eine große Rolle. Das lenkt die Anschauung. Ich habe ja mein Leben lang dicke Romane gelesen, habe Geografie, Germanistik und Kunst auf Lehramt bis zum Staatsexamen studiert. Erst 2004, mit zu meiner Gastprofessur in Hamburg, habe ich den Job in der Agentur aufgegeben.

Haben sich die Bilder der Tageszeitungen geändert?

Piller: Heute druckt man gern Agenturbilder, das sind die langweiligsten Bilder überhaupt. Mich interessieren Bilder, die nicht auf den ersten Blick lesbar und nicht eindeutig sind, die in der Nähe zur Amateurfotografie liegen.

Wie kommt ein Titel wie „Von Erde schöner“ zustande?

Piller: Ich habe den Nachlass einer Luftbildfirma übernommen, die in den 1980er Jahren ganze Siedlungen überflog und die einzelnen Motive an die Hausbesitzer verkaufte. Der Titel „Von Erde schöner“ stammt von einem Hausbesitzer, der kein Foto aus der Luft kaufen wollte, sondern meinte, sein Haus sei von der Erde aus betrachtet schöner. Dazu machte ich ein Buch, als ich den Alfred Renger-Patzsch-Preis bekam. Ich habe mich aber auch mit der Armee-Rundschau der Nationalen Volksarmee beschäftigt.

Wie entstehen eigene Fotos?

Piller: Bei Wanderungen. Ich liebe aber Zwischenformen zwischen Sammlungsbildern und eigenen Fotos. Ich mache nicht kenntlich, was gesammelt und was eigene Fotos sind.

Sie haben in Düsseldorf schon angefangen?

Piller: Ich traf mich mit den Studenten an der Kittelbachstraße, und wir sind zur Akademie gelaufen. Das war schön, denn man geht von einem zum anderen und lernt so die Menschen kennen.

Sie wandern gern?

Piller: Ja, ich gehe viel zu Fuß, täglich 13 bis 14 Kilometer. Ich trage nur noch Wanderschuhe. Beim Wandern sieht man mehr, und es entstehen landkartenähnliche Zeichnungen. Ich mache Städte-Umwanderungen, mache Fotos und halte meine Sprechtexte im Diktiergerät fest. Es entstehen aber auch Zeichnungen, die mit dem Alltags eines Hochschullehrers zu tun haben.

Sie haben sich in Leipzig im Senat engagiert?

Piller: Ja. Ich war sechs Jahre Prodekan, saß auch sechs Jahre im Hochschulrat und Kontrollunternehmen. Aber jetzt muss ich in Düsseldorf erst einmal ankommen.