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Kunst in Düsseldorf: Erich Hausers „Raumsäule“ schiebt sich empor

Kunst im öffentlichen Raum : Erich Hausers „Raumsäule“ schiebt sich empor

Die glänzende Röhrenskulptur ist ein Geschenk von Börse und IHK für den Ernst-Schneider-Platz.

Erich Hauser wäre in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden. Seine Wahlheimat Rottweil plant eine Jubiläumsfeier im Dezember, sofern es die Corona-Viren zulassen. In Düsseldorf kennt vermutlich kaum jemand den Künstler, obwohl seine „Raumsäule“ seit einem halben Jahrhundert auf dem Ernst-Schneider-Platz steht. Der Verkehr gabelt sich dort. Autofahrer müssen sich entscheiden, ob sie in die Tunnelröhre oder zum Hauptbahnhof wollen. Der Platz selbst ist allerdings gut gestaltet. Hauser hatte sehr genau darauf geachtet, dass sich seine Skulptur in die Umgebung einpasst.

Die Edelstahl-Röhren sind ein Geschenk der Industrie- und Handelskammer und der Rheinisch-Westfälischen Börse zu Düsseldorf an die Stadt und ihre Bürger. 1969 erhielt der Schwabe den Auftrag dafür, der mit einem Preis von 100 000 Mark versehen war. Der 41-Jährige schuf sein Werk in seiner eigenen Werkstatt und zog lediglich zwei Gehilfen hinzu. Negative Kommentare aus der Politik – wie bei der Chillida-Skulptur – sind nicht bekannt. Die Inszenierung der Röhren fand Anklang.

Der Mann aus Tuttlingen, Jg. 1930, befand sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms, als er in Düsseldorf tätig wurde. Er hatte 1969 den großen Preis der Biennale von São Paulo gewonnen und war damit schlagartig berühmt. Zuvor war er mit dem Kunstpreis Junger Westen ausgezeichnet worden und hatte zweimal auf der Documenta in Kassel teilgenommen. Es war der Beginn einer steilen Karriere, die zu zahlreichen Großplastiken in Marburg, Neuss, Stuttgart, Darmstadt, Gelsenkirchen, Hamburg und in Bonn für das Bundeskanzleramt führte.

Düsseldorf, damals noch Schreibtisch des Ruhrgebiets sowie Hauptsitz der Mannesmann-Röhrenwerke, war verständlicherweise sehr interessiert an dieser Kunst. Mit Röhren konnte sie sich identifizieren. Und Hauser unterfütterte das Wohlwollen mit dem Kommentar: „In meinen Säulen stelle ich das Auseinanderdrücken, Aufeinanderrücken und Ineinanderdrücken gegenüber. Das Material Stahl kommt meinen Vorstellungen besonders entgegen, weil ich damit eine hautähnliche Wirkung erzielen kann, so dass meine Volumen eine leichte Körperlichkeit bekommen.“ Das ist das genaue Gegenteil zur Kunst des Spaniers Eduardo Chillida, der den Oberflächenreiz geradezu vermied.

Wer aber war dieser Mann mit den silbern glänzenden Säulenformationen, der plötzlich gefeiert wurde? Seine Vita ist eher bescheiden. Die Karriere eines No-Names ohne die Weihen bei einem berühmten Professor. Hauser hatte eine Lehre bei einem Stahlgraveur gemacht, Abendkurse besucht und in einer freien Kunstschule gelernt. Als 21-Jähriger bezeichnete er sich als „freier Bildhauer“ und legte los. Ein Selfmademan also. Heiderose Langer, Geschäftsführerin der von ihm gegründeten Stiftung in Rottweil, schildert ihn als einen Ausnahmemenschen. Er sei Künstler, Handwerker, Kurator und Sammler in einer Person gewesen. Sie schreibt: „Er war bodenständig und anspruchsvoll zugleich, konsequent und diszipliniert bei der Arbeit, ein erfolgreicher Unternehmer und Manager in eigener Sache.“ Da er sich später auf einer ehemaligen Landessaline ein weitläufiges Gesamtkunstwerk schuf, nennt sie ihn sogar einen „Künstler-Fürsten“.

Hauser gilt als der Edelstahlbildhauer schlechthin. Seine Skulptur für Düsseldorf führt bis zu 5,50 Meter empor. Sie besteht aus zwei Teilen, die anlehnungsbedürftig sind. Wie ausgetüftelt wirken zunächst die gewinkelten und geknickten Partien, die jeweils auf dem Boden beginnen und sich gegenseitig abstützen, um sich schließlich wie Hebefiguren in der Vertikalen aufzurichten. Das hat nicht die Freiheit eines Norbert Kricke, der von der unendlichen Linie ausgeht, die in den Raum emporschnellt. Das ist eher akrobatisch gedacht. Wie kann ein Körper, der von seiner Veranlagung her der Schwerkraft unterworfen ist, doch noch in die Höhe streben, ohne die Bodenhaftung zu verlassen. Ein allzu menschliches Verlangen.

In Bonn zerstörten Unbekannte
abstrakte Gegenwarts-Kunst

Während sich Düsseldorf in keinster Weise über die moderne Skulptur aufregte, kam es fast zeitgleich in Bonn zu einer Eskapade, die bezeichnend ist für die damalige Hilflosigkeit der Bevölkerung gegenüber der abstrakten Kunst der Gegenwart. Es ging um den Ankauf von Hausers Raumsäule für den Bonner Münsterplatz zum Preis von 90 000 Mark, eineneun Meter hohe, raumgreifende Arbeit, deren sieben gelenkartig miteinander verbundene Rohrteile von einem Punkt der Bodenplatte schräg aufwärts und im weiteren Verlauf bei mehrmaligem Richtungswechsel wieder abwärts führten. Fugenschlitze wie übrigens auch in Düsseldorf zeigten den Röhrencharakter der plastischen Elemente. Das keineswegs provozierende Werk führte zu einem derartigen Unmut der Bürger, dass Unbekannte die Plastik umstürzten, so dass sie auseinanderbrach. Die Düsseldorfer nahmen die Verwendung von Stahl als ein Material für die Kunst gelassener. In Bonn aber erfolgte 1972 der Abtransport. Heute befindet sich die Bonner Raumsäule von Erich Hauser im Lehmbruck-Museum in Duisburg.