Kunst im Tunnel: Hula-Hoop-Reifen mit Sternenbildern

Kunst im Tunnel: Hula-Hoop-Reifen mit Sternenbildern

Die junge Düsseldorfer Szene gibt sich ein Stelldichein in der Tunnelröhre.

Düsseldorf. In regelmäßigen Abständen geht die Kunst in den Untergrund, ins KIT am Mannesmannufer. Wer hier ausstellt, ist mit kleinteiligen Werken gnadenlos verloren. Die Kandidaten für das Vordemberge-Gildewart-Stipendium wissen das. Ihr Werk ist umso besser, je mehr es auf dieses schräge und spitz zulaufende Milieu reagiert. Das gilt für Malte Bruns, Frauke Dannert und Felicitas Rohden.

Foto: Ivo Faber

Den Eintretenden begrüßt Frauke Dannert, Meisterschülerin von Thomas Grünfeld, im Tunnelschlund. Dort hat sie Wände mit durchlässigem Stoff aufgebaut, Lichtspots gesetzt und die vorhandenen Neonröhren eingeschaltet. Anschließend werden fünf Projektoren bedient, die fünf verschiedene Ansichten von Architekturfragmenten kreiseln lassen.

Eigentlich handelt es sich um Bauten im Stil des Brutalismus, der schwergewichtigen Betonarchitektur also. Ihr gelingt jedoch das Kunststück, durch Stoff, Projektion und Licht die Architektur leicht, fast schon tänzerisch erscheinen zu lassen. Es ist, als tauche sie wie zufällig auf. Der Besucher kann in sie eintreten, um sie herumgehen und kann dabei vergessen, dass er in einem viel zu niedrigen Milieu unter der Erde steckt.

An den humorigen, stillen Videos von Alwin Lay und den bombastischen „Peanuts“ von Tobias Przybilla in überdimensionalen Holzskulpturen vorbei geht es zu Felicitas Rohden, die ihren Abschluss bei Georg Herold gemacht hat. Sie stellt ihre leichtfüßige Skulptur unter die Lichtluke, so dass die Kupferringe an den fünf schwarzen Stahlstäben wie Hula-Hoop-Reifen zu kreiseln scheinen.

In diese im Sonnenlicht glänzenden Rohre hat sie mit Sternenbildern bedruckte Fahnenstoffe gehängt und mit einem Rollmesser so ausgeschnitten, dass die Formen verschiedene Bewegungen suggerieren. Verspielt und voller Dynamik ist diese Kunst. Wer will, kann auch noch über den Standort der Stäbe nachdenken und vielleicht darauf kommen, dass die Künstlerin vom Sternbild Delphin ausgegangen ist.

Die beste Präsentation liefert Malte Bruns, Meisterschüler von Herold. Er bespielt die hintere Spitze des Tunnels und lädt die Gäste in ein Panoptikum. Der Besucher wird im Video von der Schauspielerin Bettina Wiehler begrüßt. Ihr Gesicht wirkt sehr klar, dennoch meint der Betrachter, eine Szene aus einem Science-Fiction-Film vor sich zu haben.

Die Irritation entsteht dadurch, dass Malte Bruns sein Modell vor eine dreckige Plexiglasscheibe stellt und die Kamera nicht aufs Gesicht, sondern diese Scheibe gerichtet hat. Der Effekt ist wohlkalkuliert, denn der Betrachter meint nun, vor der Frau würden merkwürdige Schleier vorbeiziehen.

Er merkt nicht, dass er eigentlich die Reflexion der Frau in der Scheibe vor sich hat. Ein raffinierter Einstand ist dies in ein Szenarium aus realen und fiktiven Bildern bis hin zum Schlussbild, wo sich seine Bettina ein gläsernes Auge einsetzt. Eine glanzvolle Inszenierung zum Thema des Sehens ist dies.

Mit der Ausstellung wird ein Stipendium (40 000 Euro) verliehen. Es geht an keinen der Installationskünstler, sondern an den Fotografen Moritz Wegwerth, lange Zeit Tutor und engster Mitarbeiter von Andreas Gursky. Wegwerth gibt keinen Erklärungstext im Katalogbuch und erschien als Einziger erst eine Stunde nach der Pressekonferenz. Seine Wahl wirkt wie ein abgekartetes Spiel. Seine Werke waren schon beim letzten Rundgang zu sehen. Dort sprach Wegwerth über die schwer zu erfassende Farbe Rot in der Fotografie.

Ein Anlass für die im Hintergrund agierende Jury, dieses Bild zu loben. Es habe eine „stark malerische, fast impressionistische Qualität“. Auch „Column“, der lange Pin eines Kaktus, wird hervorgehoben. Das Motiv mutiere zu einer Säule vor hochromantischem Himmel.

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