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Kunst im öffentlichen Raum: Sinnbilder des Menschen von Horst Antes

Kunst im öffentlichen Raum : Der Platz mit dem Antes-Brunnen ist ein Glücksfall

Der Künstler aus Karlsruhe schuf aus Thyssen-Stahl Sinnbilder der Menschheit. Über ihre Bedeutung schwieg er sich immer aus.

Der Düsseldorfer Hauptbahnhof ist kein Ruhmesblatt der Stadtarchitektur. Der Vorplatz ist zerschnitten durch Straßenbahnen, Fressbuden und Fahrräder. Die Rückseite ist geprägt durch den unsensiblen, postmodernen Stil des Architekten Harald Deilmann, der gläserne Passagen vor die Gebäude setzte, den seine Konkurrenten als „Raubtiergang der Baulöwen“ beschrieben. Dennoch ist dieser östliche Vorplatz bemerkenswert, denn dort steht seit 1987 der Brunnen von Horst Antes. Der damalige Kunstsammlungschef Werner Schmalenbach, zugleich Generalintendant in Düsseldorf, hatte den Künstler empfohlen. Antes und Schmalenbach saßen selbst in der Jury für die Platzgestaltung. Ein Glücksfall.

Zur Vorgeschichte: Von 1980 bis 1985 wurde der Hauptbahnhof umfangreich umgebaut und für die U- und S-Bahn untertunnelt. Gleichzeitig bekam er eine Öffnung nach Osten mit einem weiteren Ausgang. Damit einher lief die Neuordnung des Industriegebiets in Oberbilk. Für die Gestaltung des autofreien Bertha-von-Suttner-Platzes, unter dem die Stadtbahntrasse verläuft, wurde ein Gutachterverfahren ausgelobt, das die Arbeitsgemeinschaft Dansard-Kalenborn aus Düsseldorf und Spengelin-Gerlach-Glauner aus Hannover gewann. Es gab jedoch viele Änderungen, auch unter Federführung von Deilmann. Schließlich kosteten alle Hoch- und Tiefbauarbeiten rund 150 Millionen Mark, die über den Investor Philipp Holzmann abgewickelt wurden.

Der kreative Profi Antes, der den Großen Preis der Biennale Sao Paulo erhalten hatte und dreimal auf der Documenta in Kassel vertreten war, rettete die Situation. Leider ließ sich der 83-Jährige aus Karlsruhe am Telefon nicht mehr ausfragen. Er schickte als Antwort ein bebildertes Buch über die langwierige Entstehung des Brunnens. Schließlich landeten weitere Kataloge im Briefkasten. Werner Schmalenbach hätte uns vorwarnen können. Er bemerkte einmal, Antes gebe nie Antwort, weder zu seinen Kopffüßlern noch zu sonstigen Dingen. So bleiben seine Figuren sein Geheimnis. Sie irritieren und interessieren zugleich.

In der Mitte des Brunnen-Buches gibt es eine aufklappbare Doppelseite mit dem aufspringenden Papiermodell für die „Insel“. Aus zwölf Blatt Papier hat er 16 schlanke Figuren ausgeschnitten. Sie wachsen wie Spargelstangen empor und enden in Köpfen. Jede Figur ist anders. Die meisten stehen statisch wie Götzen. Eine Gestalt schreitet, eine ist mit Sternchen tätowiert, eine hockt, zwei tragen Schalen wie Opfergaben. Eine Figur fällt insofern auf, als aus ihrem schlanken Körper eine Schlange wie ein Blitz emporzüngelt. Was für eine Gesellschaft archaischer Figuren ist das! Lauter Nackte, die meisten von ihnen Männer, dazwischen einige Frauen. Eine Gruppe wie aus fernen Zeiten. Lautlos. Körperlos. Charakterlos.

Der Entwurf zeigt zugleich, wie Antes vorging. Die schablonenhaften Figuren sind nicht modelliert, nicht plastisch ausgebildet, sondern als Flachware ausgeschnitten, im Entwurf aus Papier, im Original aus rostfreiem Stahl. Lauter Silhouetten sind es mit flachen Fußstreifen, die am Beckenrand verankert sind und aus statischen Gründen am Fuß gekantet oder gewölbt sind. Obenauf sitzen die Köpfe, unten wirken die Füße wie bei mexikanischen oder ägyptischen Prozessionen. Naturalismus also, kombiniert mit Formalismus.

„Mit der Plastik begann ich, indem ich mit dem Taschenmesser aus Gips kleine Figuren herausschnitt.“ 1967 sei er bei der Bundesgartenschau in Karlsruhe zu größeren Figuren gekommen. So verriet er dem Kunstkritiker R. G. Dienst. Er berichtet aber auch, dass er sich mit seinen Figuren unterhalten wolle. Keine introvertierte Kunst also.

Die Besucher des Bertha-von-Suttner-Platzes sind keine Kunstgänger. Sie warten auf den nächsten Zug, sitzen am Brunnenrand und lassen das Geschehen auf dem Platz an sich vorüber ziehen. Sie ruhen sich auch nach dem Besuch der Zentralbibliothek in der frischen Luft aus, klönen, essen, trinken oder dösen einfach vor sich hin. Sesshafte sitzen neben Nicht-Sesshaften, Heimische neben Fahrgästen. Für sie alle sind die drei Brunnen von Antes etwas Selbstverständliches. Niemand wundert sich über Motive wie den einsamen Tisch, den fliegenden Löffel, die Schlange oder den raffiniert gewölbten Wald aus Schilf, der fast aggressiv endet und die Betrachter auf Distanz hält. Wer will, mag beim Löffel ans Essen denken, beim Stuhl ans häusliche Leben, beim Sperma zwischen Mann und Frau an die Fruchtbarkeit. Alles ist anti-plastisch, flach, ausgesägt und wie auf einer Bühne aufgebaut. Es hat seinen großen Auftritt vor allem bei gleißender Sonne, wenn das Metall schimmert und reflektiert.

Das alles ist voller Künstlichkeit, und es symbolisiert zugleich Leben. Die Figuren treten uns entgegen und entziehen sich zugleich. Stilisiert. Systematisiert. Urbilder menschlicher Existenz. „Der Ring“, „Der Fresser“, „Die Insel“ nennt sich das Ganze. Die Herstellung ist perfekt und noch heute modern. Antes hat alles gezeichnet und die Infos über den Computer an die Schneideanlage gegeben. Inzwischen überholt sind die Lochstreifen, die er ins Lesegerät der Plasmaschneideanlage legte, auf dass 40 Tonnen warmgewalzte Bleche unter Wasser bei Thyssen in Krefeld ausgeschnitten wurden.

Anschließend wurden die zwei Zentimeter dicken Bleche weiter verarbeitet, indem  Binnenzeichnungen auf die Silhouetten gepaust, leicht vorgefräst, mit Meißeln bearbeitet und mit der Flex grob verschliffen wurden. Schließlich transportierten sechs Tieflader die Großplastiken jeweils in zwei Teilen auf den Platz und verschraubten sie auf den Betonfundamenten. Die großen Figuren des Rings, der Stuhl des Fressers und einige Gräser der Insel schraubten Fachleute vor Ort auf die Grundplatten. Von all der Sisyphusarbeit spürt man heute nichts mehr. Ein Glücksfall eben.