Künstler als Mäzene : So spannen Hilfsorganisationen Künstler ein

Maler, Bildhauer und Fotografen sind ganz vorn, wenn es darum geht, Projekte für Hilfsbedürftige zu finanzieren.

In Düsseldorf leben viele reiche Menschen, häufig mehr als in anderen Städten. Aber wenn es um Hilfsorganisationen geht, die Spenden brauchen, denken die Organisatoren fürs Fundraising in erster Linie an Künstler. Diesen Managern scheint es selbstverständlich zu sein, dass Künstler zwar häufig arme Schlucker sind, dennoch ihre Kunst für einen guten Zweck hergeben. Ob Aidshilfe oder Fifty-Fifty, sie setzen auf die Kreativen. Ein paar Beispiele.

Die Aidshilfe schwirrt mit ihren Helfern Jahr für Jahr aus, um Künstler anzusprechen. Viele zögern inzwischen, weil immer wieder dieselben Personen angesprochen werden, aber letztlich kommen dabei Beträge zwischen 130 000 und 150 000 Euro hinein.

1995 wurde Fifty-Fifty als Obdachlosenhilfe gegründet. Seitdem gilt Hubert Ostendorf als bester „Bettler“ aller Zeiten. Sein Erfolg sind sechs Häuser und ein Heim für chronisch Kranke. Seit der Trennung von Bruder Matthäus betreut er das Projekt „Housing first“, um die Obdachlosen sofort von der Straße in normale Wohnungen zu vermitteln.

Der erste Künstler, der sofort mitmachte, war Jörg Immendorff. Er gilt als Nestor der Obdachlosenhilfe, denn über Hubert Ostendorf gingen im Handumdrehen 1999 Uhren zu 120 Mark weg. Und weil das so gut lief, schickte Immendorff eine Edition in 1000er Auflage hinterher, für jeweils 200 Mark. Der nächste Spender war Nagelkünstler Günther Uecker, der eine Uhr und eine Grafik mit zwei Motiven zu je 500 Stück beisteuerte, pro Motiv zu 140 Euro. Vom Erlös konnte die Sanierung für ein baufälliges Haus bezahlt werden.

Fotokünstler Thomas Ruff hilft seit über zehn Jahren, mit exquisiter Fotokunst. Den Kontakt besorgte Katharina Fritsch, die goldene Ähren und Bettlerhände als Editionen beigesteuert hat. Heute spricht Hubert Ostendorf von Ruff fast wie von seinem Freund, wenn er sagt: „Wenn Thomas helfen kann, tut er es. Und seine Frau Valeria macht mit. Sie hat als Schulsprecherin sogar für Schultornister gesorgt, die an bedürftige Kinder gingen.“ Ruff hat übrigens auch mit seiner Sonderedition die Renovierung des Düsseldorfer Schauspielhauses enorm unterstützt.

Gerhard Richter erklärte am Telefon, er habe von seiner Edition „Frau mit Kind“ noch zwei Exemplare. Eins bleibt bei ihm, das zweite kam zu Fifty-Fifty. Ostendorf verkaufte es,  finanzierte damit ein Appartement. Richter hatte zuvor schon 30 Exemplare einer Lithografie-Serie mit einem abstraktem Motiv auf Dibond, hinter Glas gerahmt, abgegeben. Der kürzlich verstorbene Maler Hermann-Josef Kuhna verschenkte nicht nur Bilder, sondern lud gar zu Spenderabenden in sein Atelier.

Nach Auskunft von Ostendorf engagieren sich Künstler am liebsten bei konkreten Zielen, bei denen keine Bürokratie bedient wird. Das gilt vor allem dann, wenn sie das Projekt selbst aushecken. Während bei Fiftyfifty 40 Prozent der Hilfen durch Spenden der Künstler eingenommen werden, sind es bei reinen Künstlerprojekten wie „Haus Ethiopia“ sogar 100 Prozent.

Der Düsseldorfer Künstler und Architekt Mark Pepper und seine in Äthiopien geborene Frau, die Architektin Beza Pepper, starteten 2015 ihr Hilfsprojekt für obdachlose ältere Menschen, die sie bei einem Besuch in Addis Abeba an Mauern oder Häuserecken unter notdürftigen Planen oder einfach auf der Straße liegen sahen. Um ihnen einen menschenwürdigen Lebensabend zu geben, gründeten sie den gemeinnützigen Verein „Haus Ethiopia“. Ihr Partner ist der Berliner Architekt Peter Grundmann, Peppers ehemaliger Kommilitone, der über alternative Entwurfs- und Realisierungsmethoden forscht und hochwertige Architektur mit wenig Geld realisiert.

An dem Low-Tech-Gebäude für Äthiopien beteiligen sich inzwischen rund 200 Düsseldorfer Künstler, die ihre Kunst in Versteigerungen geben. Die jüngste Auktion fand im Parkhaus statt. Mercedes Neuß malte dafür eigens ein Hinterglasbild mit einem Beutelhund und schickte eine Skulptur gleich hinterher. Große Fotografien, noch größere Gemälde, aber auch Kleinigkeiten kamen zum Aufruf, wobei der Auktionator Andreas Sturies ehrenamtlich das Hämmerchen schwang.

Die Atmosphäre im viel zu engen Raum war toll, denn jeder kannte jeden. Gregor Schneider kredenzte eine Aldi-Tüte mit einem Foto aus Haus Ur. Martin Schepers ließ eine „Idealstadt“ im Grünen gedeihen. Peyman Azhari war gar auf eine lustige Idee gekommen: Er spendierte eine Porträtsitzung, nach der der Kunde sein Foto mitnehmen konnte. Das Kuriose in dieser Auktion war jedoch, dass vielfach die Künstler selbst die Kunst ersteigerten, so dass es ein gegenseitiges Geben und Nehmen war. Das Ergebnis waren 27.000 Euro. Jubel zum Schluss, denn das Haus für die Armen ist nun voll finanziert.

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