Konzert "Scary Beauty" in Düsseldorf wurde von einem Roboter dirigiert

Roboter-Konzert : Der dirigierende Android „Alter 3“: Eine Jahrmarktattraktion

Die Eröffnung des Festivals „Hi, Robot!“ mit dem Konzert „Scary Beauty“ im Schumann-Saal beeindruckte technisch – schließlich dirigierte ein Roboter. Ästhetisch war es jedoch eine vertane Chance.

Wäre „Alter 3“, der dirigierende und singende Android, mit Attributen menschlicher Intelligenz ausgestattet – was er nicht ist –, so hätte er den Machern der Android Opera „Scary Beauty“ vielleicht Mores gelehrt. Aber „Alter 3“, das Maschinenskelett mit menschenähnlichem Gesicht, Händen und eingebautem „Stimmgenerator“ hat leider keinen eigenen Willen, kein Selbstbewusstsein. Er/sie/es kann sich nicht wehren, angesichts der Kitschsoße, in die er getüncht wurde. Aber alles der Reihe nach.

Zunächst muss dem Tanzhaus NRW Dank ausgesprochen werden, dass sie im Rahmen des „Hi, Robot!“-Festivals ermöglichten, dieses technische Wunderwerk in einer Europapremiere nach Düsseldorf zu holen. Die Eröffnung des Festivals im bestens gefüllten Robert-Schumann-Saal gehörte aber nicht nur „Alter 3“; er dirigierte die Japanischen Philharmoniker Düsseldorf, die ihre Aufgabe mit viel Hingabe erfüllten. Die Probleme indes waren weniger diese Demonstration technischen Fortschritts im Dialog mit menschlicher Kunstfertigkeit, sondern vielmehr die ästhetische Ebene.

„Alter 3“ ist etwas Besonderes. Mit einer, wie die Macher sagen, „autonomen künstlichen Intelligenz“ ausgestattet, vermag er den einprogrammierten musikalischen Ablauf in dirigierartige Bewegungen, in Heben und Senken seines Körpers, in Andeutungen von Gestik und Mimik zu übersetzen. Vermag Texte – zwar kaum verständlich mit metallisch zischender Mickymausstimme – zu „singen“. Gibt einsatzartige Bewegungen, wendet sich mal jenen, mal diesen Musikern zu und simuliert so Eigenschaften eines Dirigenten aus Fleisch und Blut, der ein menschliches Orchester leitet. Das funktioniert, aus der Publikumswarte beäugt, recht tüchtig, ob dies nun sinnvoll ist oder nicht.

Das eigentliche Problem des Abends ist die Show

„Alter 3“ ist ein Update von „Alter 2“, der schon für die Premiere von dieser „Android Opera“ des Komponisten und Musikers Keiichiro Shibuya eingesetzt wurde. Aufnahmen mit dem Vorgängermodell wirken aber weitestgehend identisch zu dem, was das Publikum in Düsseldorf erwartete. Dennoch ist das, was unter anderem Programmierer Takashi Ikegami und Robotik-Experte Hiroshi Ishiguro geschaffen haben, faszinierend. Was "autonom" durch „Alter 3“ zum Dirigat beigesteuert, was vorher einprogrammiert und während der Aufführung durch die Techniker justiert wird, lässt sich nur schwer sagen. Vielleicht soll das ungewiss bleiben, denn die „Show“ lebt auch vom Mysterium, ähnlich einer Jahrmarktattraktion.

Das führt zum eigentlichen Problem des Abends. Der Show. Keiichiro Shibuyas „Opera“ ist keine Oper. Man nimmt wohl an, dass ein breites Publikum, wenn auf einer Bühne von Instrumenten begleitet, gesungen wird, gleich an Oper denkt. Vielmehr ist die Performance ein Liederzyklus, eine Suite. Eingebettet in eine Lichtshow, übertüncht mit Überfülle an bisweilen nervtötenden Soundeffekten, die wie künstliche Sauce Hollandaise geschmacklich nivellieren und so vom eigentlichen Inhalt ablenken.

Shibuyas Musik – er spielt auch Klavier – verkleidet sich, ist aber ein Sammelsurium an Klischees. Mischt willkürlich sich avantgardistisch gebärdende Assoziationen an „Neue Musik“, mit elektronischen Elementen (Kotobuki Hikaru), filmmusikalischem Vokabular und einer oft „süßlichen“ Melodik, die auch mal an billigeren J-Pop erinnert (der richtig gut sein kann). Alles – es kommen auch bedeutungsschwangere Textzitate zum Einsatz – wird zusammengegossen, um des vermeintlich mitreißenden Effektes willen. Aber es ist mehr Schaum als Substanz.

Wie schön wäre es gewesen, das Orchester unverstärkt, pur unter dem Dirigat von „Alter 3“ zu hören. Aber das schien nicht „fancy“ genug für das von Warner Music Japan produzierte Event. Weniger ist mehr, gilt auch für Roboter-Konzerte – ein neues Genre? Dazu bräuchte es aber Roboter, die selbst entscheiden, welcher Musik sie sich widmen. Zukunftsmusik.

Der Applaus fiel aus unterschiedlichen Gründen weniger euphorisch aus.

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