Knausgård kuratiert Munch im K20 – was bedeutet das für Düsseldorf?

Kunst : Knausgård kuratiert Munch im K20 – was bedeutet das für Düsseldorf?

Der norwegische Promi-Autor rückt das Museum ins globale Scheinwerferlicht. Mehr als nur ein großer Name?

So hätte ein Kunsthistoriker eine Schau zu Edvard Munch niemals kuratiert. Aber genau das war zu erwarten, als Susanne Gaensheimer, die Chefin der Kunstsammlung NRW, den norwegischen Literatur-Star Karl Ove Knausgård einlud, eine Ausstellung zu seinem Landsmann im K20 zu machen. Nach der Ai Weiwei-Schau hat Gaensheimer für dieses Jahr den zweiten großen Coup gelandet. Gaensheimer hat die Munch-Schau des 50-jährigen Schriftstellers vom Munch-Museum in Oslo übernommen. Und damit den Autor als Kunst-Kurator nach Düsseldorf geholt, der mit seiner sechsbändigen Autobiografie „Mein Kampf“ weltbekannt geworden ist, der bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit Gastgeberland Norwegen als Eröffnungsredner auftreten wird und der auch royale Prominenz ins Haus am Grabbeplatz holen wird: Das norwegische Kronprinzenpaar Mette-Marit und Haakon wird am Freitagabend gemeinsam mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet die Munch-Schau eröffnen.

Knausgård sorgte weltweit für Aufmerksamkeit. Nationale und internationale Kunstmagazine berichteten schon im Voraus über „Edvard Munch – von Knausgård gesehen. Auch bei der Pressekonferenz am Donnerstag, zu der Knausgård erschien, war der Medienandrang groß. Was aber bedeutet es für Düsseldorf, dass der Meister der Bekenntnisliteratur eine Ausstellung über einen Meister der Verschlüsselungsmalerei im K20 ausrichtet? Nur eine Strategie, um mit einem Promi-Autor einen „Klassiker“ wie Munch populärer zu machen oder passt diese „Grenzüberschreitung  in den Künsten“ in das Programm des Hauses am Grabbeplatz?

Zunächst muss man verstehen, wie der Literat den Maler in Szene setzt. Knausgård durchforstete zwei Jahre lang das Sammlungsmagazin des Munch-Museums in Oslo. Rund 140 Werke wählte er aus und formte daraus eine Geschichte über Munch in vier Kapiteln. Jedes Kapitel ein eigener Raum mit Titel und eigener Farbe.

Der erste Erzählraum ist hellblau und nennt sich „Licht und Landschaft“. Hier trifft der Besucher auf eine wuchtig strahlende Sonne über Meer und Klippen, badende Knaben, eine Frau, die Mohnblumen pflückt, Parks oder einen Apfelbaum im Garten. Harmonische, heitere Bilder, die man von Edvard Munch eher nicht kennt. Als nächstes führt uns Knausgård in den „Wald“, einen grünen Raum mit Gemälden von Ulmenwäldern und knorrigen Baumstämmen im Frühling, Sommer, Herbst und Winter – der Literat hat zehn Bilder dieser Wald-Bilder zu einer Gruppe verdichtet und erzeugt damit eine düstere, unheimliche Atmosphäre. Aber auch schneeweiße Küsten, ein Kohlacker in der Abenddämmerung oder einen Mann beim Heuen. Es folgt ein schwarzer Raum mit dem Titel „Chaos und Kraft“, in dem uns Knausgård mit dem Innenleben von Munch vertraut macht: Ein auf dem Bett verstorbener Bohemien, umringt von Trauernden, ein seelisch zerrüttet wirkendes Aktmodell an einem Korbstuhl, eine Trinkgesellschaft oder eine Karikatur seines Künstlerkollegen Henrik Lund in Gestalt eines grünen Mondgesichtes. Krankheit, Tod, Trauer, seelische Abgründe, aber auch Witz dominieren. Die Munch-Geschichte endet im gelben Raum namens „Die Anderen“, der voller teils lebensgroßer Porträts all der Menschen ist, denen Munch in seinem Leben begegnete, etwa der legendäre erste Direktor der Osloer nationalgalerie, Jens Thiis. Hier geht es um die äußeren Beziehungen, die Munch pflegte.

Auf die berühmten Bilder des epochemachenden Malers der europäischen Moderne wie „Der Schrei“, „Das kranke Kind“, „Verzweiflung“ oder „Melancholie“ hat Knausgård bewusst verzichtet, weil er einen „unikonischen“ Munch zeigen will. Heißt: Werke, die wir selten oder noch nie gesehen haben und über die wir dementsprechend kaum etwas oder nichts wissen. Ein neuer, unverstellter Blick auf den Wegbereiter des Expressionismus. Diese unvoreingenommene Perspektive auf Munch ermöglicht Knausgård nicht nur hinsichtlich der Bilderauswahl ein, sondern auch hinsichtlich der Hängung. Er zeigt Gemälde, Druckgrafiken und eine Skulptur ohne Titel, ohne Begleittexte, nur eine Nummer klebt neben ihnen. In einem Booklet kann der Besucher sich dann näher über das Exponat informieren. Der Besucher wird also dem puren Sehen ohne „Störfaktoren“ ausgesetzt.

Es war ein Experiment, das Gaensheimer vom Osloer Munch-Museum fürs K20 übernommen hat – und es ist gelungen. Ohne die Arbeit von kunsthistorisch ausgebildeten Museumskuratoren schmälern zu wollen, Knausgårds Blick auf Munch bringt frischen Wind in die Welt der Kunstmuseen. Auch durch die Texte von Knausgård zu Munchs Bilder im Katalog, die im Gegensatz zu so vielen kunsthistorischen Erklärtexten nicht sachlich-analytisch, sondern sinnlich formuliert sind und den Zugang zu Munchs Bildern erleichtern. Die Ausstellung passt nicht zuletzt aber auch zur Leitlinie der Kunstsammlung NRW: Die Ränder der Kunstgeschichte zu erforschen. Beim Projekt „Museum global“ widmete sich das K20 der nichtwestlichen modernen Kunst, nun geht es um den „unbekannten“ Munch. Zwar besitzt die Kunstsammlung von ihm kein Werk, aber ihr Herzstück besteht aus der Strömung, zu deren Hauptvertretern der norwegische Maler gehört: der europäischen Moderne.

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