Klavierfestival: Eine Sphinx an den Tasten

Klavierfestival: Eine Sphinx an den Tasten

Konstantin Shamray beeindruckt im Schumann-Saal.

Düsseldorf. Beim größten Klavierfestival der Welt, dem an der Ruhr gegründeten und längst an den Rhein geschwappten, sind schon manche Jungtalente aufgetreten, die heute zur pianistischen Weltelite gehören wie zum Beispiel der Russe Nikolai Tokarew.

Und wieder ist es ein Russe, der bei dem Preisträger-Konzert "Die Besten der Besten" für Furore sorgt. Sein Name: Konstantin Shamray. Dem Vernehmen nach befanden sich Manager einer renommierten Plattenfirma im Publikum, um das Starpotential des jungen Mannes zu begutachten.

Der 24-jährige Pianist spielt konzentriert wie zur Skulptur erstarrt, Kopf und Rumpf bilden bei jeder Vor- und Rückwärtsbewegung eine Gerade, das Gesicht zeigt kaum Regungen. Shamray sitzt sphinxgleich an der Klaviatur. Seine großen schlanken Hände senkt er ruhig und konzentriert in die Tasten - und der Flügel antwortet mit einer Klanggewalt, die man in dieser Intensität nicht erwartet hätte.

Akkorde gleichen Blöcken aus schweren Material. Fast könnte man an Eisquader denken, doch unterkühlt ist das Spiel des jungen Mannes nun auch wieder nicht. Eine sonnige Wärme scheint die Oberfläche anzutauen.

Shamray wagt sich an Gipfelwerke jeweiliger Epochen, an Beethovens späte A-Dur-Sonate op. 101, den "Carnaval" von Robert Schumann und die 6. Sonate Sergei Prokofjews. All dies sind Stücke, mit denen die großen Pianisten des 20. Jahrhunderts bereits Maßstäbe setzten und die es jungen Musikern schwer machen, einem Vergleich standzuhalten.

Shamray scheint sich dieser Bürde bewusst und geht mit unerbittlichem Ernst an die Arbeit. Bereits der lyrische Dur-Beginn der Beethoven-Sonate gelingt makellos, schlicht und doch gehaltvoll. Weder bei Beethoven noch in Schumanns "Carnaval" überlässt Shamray irgendetwas dem Zufall.

Jede Mittelstimme oder Basslinie kommt klar zum Vorschein, Dynamiksteigerungen und -zurücknahmen sind kunstvoll disponiert, jeder Rhythmus auf Millisekunden genau berechnet. Dieses Klavierspiel ist das Gegenteil von Exzentrik.

Der Pianist stellt nicht sich selber in den Mittelpunkt, sondern bemüht sich um die Erfüllung höherer Pflichten. Schumanns Heiterkeit wirkt unter Shamrays Händen allerdings ein wenig gedämpft, da hätte man sich eine rundere Phrasierung und mehr Gelöstheit gewünscht.

Als über jeden Zweifel erhaben erweist sich aber das Prokofjew-Spiel. Eiserne Strenge, sarkastischer Witz, unheilvolle Süße und fast schon beängstigende Virtuosität verbinden sich fast zu pianistischer Vollendung. Die Russen und das Klavier - immer wieder eine spannungsvolle Liaison.