Kent Nagano und Orchestre symphonique de Montréal in der Tonhalle

Konzert: Naganos Mozart litt unter Jetlag

Das Konzert mit dem Orchestre symphonique de Montréal hinterließ in Teilen eher gemischte Gefühle.

Es macht ungemein viel Freude, ein Orchester wie das kanadische Orchestre symphonique de Montréal sich auf dem Podium einspielen zu sehen und zu hören. Angefangen von den Streichern, den Holz- bis Blechbläsern, alle übten konzentriert ihre heiklen Stellen. Dieses Üben sollte bis kurz vor Konzertbeginn anhalten. Ein sich auf den Saal einstimmen, die Finger, Lippen und nicht zuletzt auch das Gehirn für die anspruchsvolle Höchstleistung, vorbereiten – was man in der Tonhalle übrigens so eher seltener auf dem Podium erlebt. Üblich hier ist, dass das Orchester erst kurz vor dem Beginn in den Saal einzieht, kurz nachstimmt und auf den Dirigenten wartet. Aber so unterschiedlich können Vor-Konzert-Erlebnisse sein, je nach Tradition. Erwähnenswert ist es dennoch, denn der hiesige Besucher ist eher an kontemplative Ruhe vor dem großen Sturm der Musik gewöhnt, als an ein orchestrales Tohuwabohu. Dieses, indes genialst komponiert, sollte dann ohnehin im zweiten Teil dieses Heinersdorff-Konzertes in der Reihe „Faszination Klassik“ im Fokus stehen: Strawinskys „Sacre“ – oder wie der ganze Name dieses legendären Werkes ist „Le sacre du printemps. Tableaux de la Russie païenne en deux parties.“ (Die Frühlingsweihe. Bilder aus dem heidnischen Russland in zwei Teilen).

 Doch der Abend unter der Leitung Kent Naganos begann zunächst „impressionistisch“ – wenn man diesen Begriff verwenden möchte – um dann klassisch und schließlich „expressionistisch“ – wieder so ein Begriff – zu werden.

Nach einer federnd impulsiven Eröffnung mit Debussys „Jeux, Poème dansé“ unter der so kultivierten Hand des inzwischen schon 67 Jahre alten US-amerikanischen Dirigenten mit japanischen Wurzeln standen die Zeichen auf Mozart. Und Mozart verzeiht nichts. Nicht mal einen ausgewachsenen Jetlag? Wobei das jetzt nur eine gewagte Vermutung ist – immerhin kam das Orchester erst am Wochenende aus Québec.

Pianistisch mit ansprechender Delikatesse interpretiert durch den Polen Rafał Blechacz, orchestral aber vernebelt, folgte also Mozarts großes A-Dur Klavierkonzert KV 488. Eleganz war dem Dirigat Nagagos zweifelsohne zu eigen. Genauso wie dem feinen und differenzierten Spiel Blechaczs, der nicht versuchte, Mozarts Konzert für virtuose Spielchen zu nutzen und dem Geist der Komposition durchweg treu blieb. Die Tempi wirkten kultiviert, stimmig, doch fehlte dem Orchester die innere Spannung, die nötig ist, um die filigrane, zeitgleich tiefgründige, Fragilität und Dramatik dieser Musik plastisch zu formen.

Nicht selten fragte man sich, ob die Unschärfen nun gewollt oder doch nur zufällig waren, musste aber befürchten, dass Letzteres eine leider treffendere Analyse darstellte. Nicht dass dieser sanfte, etwas indifferente aber weich-herzliche Klang Mozart weniger gefällig mache. Aber von einem Spitzenorchester unter einem Star wie Nagano erwartet man mehr Differenzierung, mehr Ausformung und vor allem mehr Präzision. Die inhärenten Probleme lassen sich auch nicht mit einem vielleicht typischen französisch-kanadischen Klangideal erklären.

Doch nach der Pause konnten das Orchester und ihr Dirigent sehr eindrücklich zur Schau stellen, welche Kräfte in ihnen schlummern. Igor Strawinskys „Sacre“ ist sowohl für die Musiker als auch den Dirigenten eine nicht unterschätzbare Herausforderung. Nicht zuletzt, da dieses Stück nun wirklich schon so oft und bisweilen wegweisend interpretiert wurde, man sich also zwangsläufig mit Vorgängern messen muss. Nagano verleiht der Partitur eine ganz eigene Nuance, wobei dadurch keinesfalls die Färbung Strawinskys Schaden nimmt. Kraftvoll, ja, aber auch auf ansprechende Weise mit einer inneren Leichtigkeit oder vielleicht besser Elastizität, die sich wie ein Subtext unter alles legt. Kleinere indes luftige Unschärfen gab es aber auch hier.

Auf den dankbaren und begeisterten Applaus des Publikums folgte eine ausgiebige Zugabe mit Ravels „La Valse“. Unterm Strich dann doch ein guter Abend.

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