Junges Schauspielhaus Düsseldorf: "Theater auf Rezept" startet wieder

Theater : Junges Schauspiel Düsseldorf: Mit Rezept ins Theater

Das Theater an der Münsterstraße startet zusammen mit Kinderärzten ein Projekt, das Kultur als Medizin verschreibt.

Die achtjährige Leni Mück ist in Begleitung ihrer Eltern zur Vorsorgeuntersuchung bei Kinderarzt Hermann Josef Kahl gegangen. „U 10“ nennt sich die Untersuchung, bei der festgestellt wird, ob Kinder unter Entwicklungsstörungen leiden, etwa unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), Lese-Rechtschreibschwäche oder motorischen Störungen. Mit einem Fragebogen überprüft Kahl die Entwicklung der kleinen Patientin. Das Ergebnis fällt zufriedenstellend aus. Der 59-jährige Kinderarzt überreicht Leni aber noch ein spezielles Rezept: einen Gutschein für ein Theaterstück am Jungen Schauspielhaus. Das Mädchen freut sich. Denn sie liebt Theaterspiel.

In ihrer Schule nimmt Leni an einer Theater-AG teil, stand dort jüngst in dem Stück „Irgendwie anders“ auf der Bühne. Der Bilderbuch-Klassiker von Kathryn Cave handelt von einem Außenseiter-Wesen, das keine Freunde findet. Ein Stück über Mobbing und Ausgrenzung, in dem Leni eine der „Bösen“ spielte.

Auch das Junge Schauspielhaus hat sie bereits mit ihrem Vater Sascha besucht. Dort haben sie gemeinsam „Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ gesehen. Beide waren begeistert. „Ich fand es lustig, als Räuber Hotzenplotz durch das Fenster von der Großmutter geklettert ist und als die Rakete hochgegangen ist“, sagt Leni. Theater gefällt ihr sogar so sehr, dass sie sich vorstellen kann, Schauspielerin zu werden. Lenis Vater war bis dahin ebenso wie Mutter Caro bislang nie ins Schauspielhaus gegangen, höchstens mal in ein Musical. Nach dem Hotzenplotz ist das anders. „Das Stück fand ich so super, dass ich jetzt im Auge behalte, was für ein Programm im Jungen Schauspielhaus läuft“, sagt Sascha Mück.

Kultur als Medizin verschreiben, das ist das Ziel der Kampagne „Theater auf Rezept“. Es gilt für Kinder und Jugendliche, die zu den Vorsorgeuntersuchungen „U 10“ (7-8 Jahre), U 11 (9-10 Jahre) und J 1 (13) gehen. Initiiert wird es von Stefan Fischer-Fels, dem Leiter des Jungen Schauspielhauses, dem Kinderarzt Hermann Josef Kahl und dem Hals-Nasen-Ohren-Arzt Michael Strahl. „Kultur dient der seelischen Gesundheit“, sagt Fischer-Fels. „Wenn Kinder live miterleben, wie auf der Bühne Emotionen verhandelt werden, fördert das ihre emotionale Intelligenz“. Die per Rezept verschriebene Kultur soll aber auch der Bildung dienen: „Alle Kinder, die zur Vorsorgeuntersuchung kommen, erhalten einen Theater-Gutschein. Niemand soll stigmatisiert werden. Aber Kinder aus bildungsfernen Schichten sollen besonders von diesem Angebot profitieren“, erklärt Kahl. Denn: „Etliche deutsche Kinder lernen ihre Muttersprache nicht richtig, weil sie vor den Fernseher gepackt werden.“ Mangelnde Bildung führe dazu, dass Schüler keine Berufsausbildung fänden, so Kahl.

Das Projekt „Theater auf Rezept“ hatten Fischer-Fels, Kahl und Strahl bereits 2009 in Düsseldorf initiiert. 48 Arztpraxen in der NRW-Landeshauptstadt hatten sich seinerzeit daran beteiligt. Die Siemens-Betriebskrankenkasse war als Sponsor eingesprungen. Das Projekt lief erfolgreich. „So erfolgreich, dass es der Betriebskrankenkasse über den Kopf gewachsen ist“, erinnert sich Fischer-Fels. Sie zog die Finanzierung zurück. 2011 verließ der damalige Chef des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf und ging nach Berlin. Damit war „Theater auf Rezept“ erst einmal gestorben.

Doch nach seiner Rückkehr als Leiter des Jungen Schauspiels im Jahr 2016 erweckte Fischer-Fels seine Kultur-als-Medizin-Initiative wieder zum Leben. Finanzielle Unterstützung erhielt er vom Düsseldorfer Heinrich-Heine-Kreis, der „Theater auf Rezept“ im vergangenen Jahr mit einem Förderpreis auszeichnete. Die Summe: 3000 Euro. Damit können die Theater-Gutscheine vorerst ein Jahr lang finanziert werden.

Außerdem hat das Theater an der Münsterstraße 243 Ärzte aus Düsseldorf und Umgebung eingeladen, um zukünftig Kinder und Eltern per Rezept ins Theater zu schicken. Um sie von dem „Kulturheilverfahren“ zu überzeugen, veranstaltet das Junge Schauspielhaus am 4. Februar um 19 Uhr eine „Gala“ (Fischer-Fels). Mit Theaterproben, Essen, Musikauftritten des Ensembles, begleitet von den Jazz-in-Eden-Musikern.

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