Tanz: Junge Choreografen im Doppelpack

Tanz : Junge Choreografen im Doppelpack

Tanzhaus zeigte Arbeiten von Marie-Lena Kaiser und Elsa Artmann mit Samuel Duvoisin.

Double-bill – also ein Doppelprogramm – heißt das neue Format am Tanzhaus NRW, das sich ganz explizit den Arbeiten junger Choreografinnen und Choreografen aus Nordrhein-Westfalen widmet. Zwei abendfüllende Performances, zwei Welten, zwei Perspektiven auf das, was junger zeitgenössischer Tanz sein kann. Vorweggenommen werden kann, dass gerade die beiden Performances, die das Publikum an diesem Abend erleben durfte, aufzeigen, wie unterschiedliche Wege Tanz oder auch Tanztheater – je nach Gusto mag der eine oder andere Begriff treffender sein – gehen kann.

Elsa Artmann und Samuel Duvoisin machten den Anfang

Den Anfang machte eine Kooperation zwischen Elsa Artmann und Samuel Duvoisin, die auch beide als Performer Teil ihres Stückes waren. Unter dem Titel „Hätten Sie von sich aus die Familie erfunden?“ – eine Referenz an Max Frischs „Hätten Sie von sich aus die Ehe erfunden?“ – verhandelten sie auf eindrucksvolle Weise Rollenbilder, selbst-reflexive Introspektive, die sich in einer rein wirkenden Vorstellung entäußerte. Auf der Bühne steht ein Trampolin, das immer wieder von den beiden und den weiteren Akteuren Kelvin Kilonzo, Anne-Lene Nölder und Diana Treder für ihre assoziativ aufgeladenen Bewegungen genutzt wird. Ein Mobile hängt von der Decke, das in abstrakten Figuren die Abhängigkeiten von gesellschaftlichen Strukturen skizzieren soll.

Zunächst weiß man nicht so recht, wohin die Reise dramaturgisch gehen soll. Doch das Stück ist stringent, wenngleich auch bisweilen etwas lose verspielt und in seiner Zeichenhaftigkeit etwas diffus. Eine zentrale und beeindruckende Idee ist das Befragen, das sich sowohl ganz verbal – auch gegenüber dem Publikum – als auch gestisch abzeichnet. Was denken wir, wie fühlen wir und welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Wie ist unsere Weltsicht von unseren Vorstellungen eingenommen und welches Rollenbild liegt diesem zu Grunde? Um dies choreografisch umzusetzen, bedarf es neben einer gestischen Sprache, die vielleicht bisweilen etwas an Pina Bausch erinnern mag, aber auch Erläuterungen. Diese werden dem Publikum nicht zuletzt in Form von Postkarten an die Hand gegeben, die man vor Ort erwerben konnte und die etliche Hinweise als Schlüssel für die Performance bieten.

Marie-Lena Kaiser präsentierte sich mit „Ariodante“

Der zweite Teil des Abends gehörte der Pina-Bausch-Stipendiatin Marie-Lena-Kaiser und ihrem vor Ironie strotzendem Werk „Ariodante“ – hier kommt einem sogleich Händels gleichnamige Oper in den Sinn, die übrigens auf der Geschichte des Rasenden Rolands beruht. Kaiser lässt in ihrer Choreografie, die stets von bis ins avantgardistischste abdriftender Cembalomusik begleitet wird, Stereotype aus zeitgenössischem Ballett und modernen Tanzrichtungen aufeinander prallen. In vier Ecken des Raumes – das Publikum sitzt in einem großen Kreis – stehen zunächst Ying Yun Chen, Clemece Dieny Jordan Gigout und Enis Turan und treten einzeln in die Mitte. Dort vollführen sie synchron zur Musik eine ausdrucksstarke Choreografie, die sich offenbar nicht ernst nehmen will. So mancher Seitenhieb auf abgenutzte und überaus populäre Bewegungsmuster aus der Ballettgeschichte mischt sich unter eine Oberfläche, die sehr an Ausdruckstanz erinnert.

Doch mehr und mehr scheint es so, dass sich aus dieser Ausgangslage eine Entwicklung vollziehen soll, vielleicht ein Nachzeichnen der Entwicklungsgeschichte des zeitgenössischen Tanzes? Doch der Schein trügt, Kaiser lässt uns viel mehr bei der Erarbeitung einer Choreografie Mäuschen spielen.

Dass dabei die Performer atemberaubend  ihre enorme Wandlungsfähigkeit und körperliche Spannung unter Beweis stellen, ist eine schöne Beigabe. Mehr und mehr entgleist die Situation. Am Ende soll sogar der Choreograf ermordet werden. Ein bitter-böser Spaß. Herrlich!