Julia Stoschek : Die Mäzenin Julia Stoschek öffnet ihre Schatztruhe

Erstmals werden an der Schanzenstraße Videos aus dem Bestand der privaten Sammlung gezeigt.

In ihrer Medien-Sammlung ist Julia Stoschek den öffentlichen Häusern weit voraus. Deshalb rückt sie erstmals parallel zu Ausstellungen Dritter den Bestand in den Fokus. Der Anlass ist eher traurig, denn die Arbeiten von Lutz Bacher, Barbara Hammer und Carolee Schneemann gelten drei Künstlerinnen, die in den letzten Monaten hochbetagt gestorben sind.

Die radikalste Vertreterin für die Kunst der Körperlichkeit

Die amerikanische Malerin, Performance- und Video-Künstlerin Schneemann wird gleich im Eingang mit einem Film präsentiert, der auf Jackson Pollock, den Meister der Action Painting, reagiert. Auch sie liebt den eigenen, physischen Prozess in der Herstellung ihrer Werke. Sie hängt im Baumpflegergurt am Seil und markiert mit Buntstiften in der ausgestreckten Hand die Wände. „Mein ganzer Körper wird zum Werkzeug für visuelle Spuren“, wird sie im Flyer zitiert. Noch deutlicher wird Schneemann in ihrem zentralen Werk „Fuses“ (Sicherungen), wo sie über drei Jahre hinweg den sehr intimen Liebesakt mit ihrem Partner James Tenney filmt. Dieses Video (1964 - 1967) nimmt die Performances von Marina Abramovic voraus, aber es ist wesentlich mutiger. Doch anschließend bemalt Schneemann den Celluloidstreifen und fügt ihm Brandspuren bei, so dass er für die Übertragung ins Digitale abgetastet werden muss. Nun erlebt man den Körper hautnah, sieht aber zugleich viele Unschärfen, denn der Pinsel verwandelt die allzu direkten Szenen ins Abstrakte.

Von der romantischen Liebe bis zu Wut und Enttäuschung

Barbara Hammer bringt in ihren experimentellen Filmen die lesbische Identität, Liebe und Sexualität zur Anschauung. In allen drei Streifen bei Stoschek ist sie physisch präsent, übt die Selbsterkenntnis und Selbstbefriedung, verarbeitet ihre Themen jedoch sehr poetisch in Überlagerungen, Verdopplungen und Mehrfachbelichtungen. „Double Strength“, „Doppelte Stärke“ (1978) zeigt zwei nackte Gestalten in lesbischer Liebesbeziehung. Dabei filmt Hammer  sich selbst und ihre damalige Lebenspartnerin, die Choreografin und Trapez-Artistin Terry Sandgreff. Der Film reicht von den romantischen Anfängen bis zu Enttäuschung und Schmerz am Schluss. Am spannendsten ist eine Szene, wo die Hände beider Aktricen am Trapez einander überlagern, aber die Furcht vor dem Abrutschen besteht.

Lutz Bacher ist seit der Ausstellung in der Kunstsammlung bekannt. Sie surfte allzu gern durch die Medienwelt. Zu einer Zeit, als das Urheberrecht kaum respektiert wurde, kopierte sie aus einem Buch über „abwegiges Sexualverhalten“ gleich neun Seiten, interessierte sich aber nicht nur für Motive der überdimensionalen Gurke im Mund, sondern vor allem  für die bigotten Bildunterschriften. In den großformatig kopierten Bild- und Textseiten präsentiert sich das Lebensgefühl der 1950er und 1960er Jahre, als Sex noch tabu war und Eltern ihren Kindern strenge Verhaltensregeln gaben.

Info: Julia Stoschek Collection, Schanzenstraße 54. Bis 22. Dezember 2019

www.jsc.art

Mehr von Westdeutsche Zeitung