Jugend ohne Gott und in Schieflage

Junges Schauspiel: Jugend ohne Gott und in Schieflage

Die Adaption des Horváth-Romans von Kristo Šagor feierte Premiere am Jungen Schauspiel Düsseldorf.

Die Welt in Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ ist in Schieflage geraten. Der sonst so feste Boden hat seine Stabilität verloren, er kippt unter den Protagonisten unerwartet in jegliche Richtung. In der Inszenierung der Theater-Adaption von Horváths Roman ist dies nicht nur ein Bild für die beschriebenen Lebensumstände. Die La­bi­li­tät des Bodens ist in Kristo Šagors Umsetzung, die nun Premiere am Jungen Schauspiel feierte, zentrales ästhetisches Moment des Bühnenbildes von Iris Kraft.

Auf und um diese Plattform – die Filmfreunde unter Umständen an eine Szene aus einem Abenteuerfilm erinnern mag – aggregiert Šagor fünf Schauspieler, die zwar einzelnen Figuren des Romans zugeordnet sind, aber stetig auch in wechselnde Rollen schlüpfen. Temporeich mit schnell aufeinander folgenden Szenenwechseln. Indes auch mal mit einem Augenzwinkern, das sich doch etwas befremdlich in dem Stoff ausmacht. Wenngleich die Geschichte so an Lebendigkeit und Prägnanz gewinnt. Obwohl dem Wort, der Sprache, das Primat gehört. Diese Komponente wird verstärkt durch das, auch sprachlich, überaus präsente Spiel von Selin Dörtkardes, Jonathan Gyles, Paul Jumin Hoffmann, Marie Jensen und Thomas Kitsche. Gekleidet in Kostüme, die anmuten wie eine Kreuzung aus Sciencefiction- und britischen Schuluniformen. Wie erfrischend, dass hier, in diesem Jugendstück für Kinder ab 13 Jahren, nicht allzu viel „rumgezappelt“ wird.

Horváths Geschichte, 1937 in kürzester Zeit entstanden unter dem Eindruck des Faschismus, ist selbst eine Umarbeitung eines Dramenfragments. Der Roman allerdings ist aus der Perspektive eines Ich-Erzählers, eines Lehrers, geschrieben. Dieser Blick in den Kopf dieses Menschen, der Geschehnisse mit seiner Schulklasse beschreibt, macht den Reiz von Horvaths Roman aus. Durchweg hadert der Erzähler auf verschiedenen Ebenen mit Gott und der Welt. In kurzen Kapiteln legt sich eine teils aphoristisch gehaltene Brüchigkeit auf die dort aufgezeigte Wirklichkeit. Dieses in Theater zu fassen, ist eine Herausforderung. Das Innere des Lehrers sollte genauso präsent sein, wie die Aktionen und Reaktionen seiner Umwelt. Šagor entscheidet sich aber, die Perspektive des Lehrers weniger als Kammerstück zu verdichten, sondern streut dessen Ich. Eskaliert alles in einem Zeltlager in Mord, so ist die wahrhafte Bedrohung latent; äußert sie sich auch in jeder Faser des Sujets. So latent, wie die immer wieder aufbäumende repetitive musikalische Untermalung, mit Orgelklängen. Der implizite theologische Aspekt bleibt allerdings konstant im Hintergrund.

Nächste Termine: 15.September, 6. Oktober, 19 Uhr. Junges Schauspiel, Münsterstraße 446.

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