Joja Wendt: Der Mann mit dem Trick-Piano

Tonhalle: Der Mann mit dem Trick-Piano

Joja Wendt macht beste Unterhaltung rund um das Klavierspiel, dabei greift er auch immer wieder in die Trickkiste.

Bei dem ESC gehören Trickkleider zum Kult, bei dem deutschen Jazz-Crossover-Comedy-Pianisten Joja Wendt ist es ein Trick-Flügel. Ja, ein Trick-Piano, denn sein speziell angefertigter Steinway kann mehr als nur glänzend schöne Töne produzieren. Er kann tanzen, mithilfe von besonderen – wohl hydraulischen – Füßen, wie ein Jumpcar, hat reichlich Lichteffekte im Korpus und nicht zuletzt einen magischen Deckel. Jener hob sich, wie von Geisterhand zu Beginn von Joja Wendts Auftritt in der Tonhalle, als er sich mit LED-beleuchteten Handschuhen an seinen Flügel setzte und Michael Jacksons Thriller in seiner unnachahmlichen Manier zum Besten gab. Dazu sang er einen eigenwilligen Text, in dem er auch auf Musikkritiker zu sprechen kam, die doch auch mal gerne einen Verriss über seine Konzerte schreiben würden.

Den Gefallen tun wir ihm nicht: Seine Performance war unterhaltsam, dramaturgisch abwechslungsreich und pianistisch mehr als solide. Natürlich darf man bei seinen Konzerten, die oft mehr Comedy – er liebt das sprachliche und auch musikalische Augenzwinkern – keine zu raffinierte Pianokunst erwarten. Das ist auch nicht sein Ansatz. Der Steinway wird großzügig elektrisch verstärkt, der durch Mikros im Korpus aufgenommene Klang bekommt gerne auch mal den einen oder anderen Effekt verpasst und bei seinem Klavierspiel geht es mehr um den zündenden Effekt als um intrikate Feinheiten im Anschlag. Dennoch und gerade deshalb, weil es so wirkt als würde er einfach drauf los spielen, funktionieren bei ihm sowohl klassische Verschnitte wie auch Pop, Rock, Jazz oder an Minimal-Musik erinnernde Eigenkompositionen.

Sein Programm „Stars on 88“ ist in ein Abbild seines angedeuteten Jugendzimmers eingebettet. Sein altes Stagepiano, seine Plattensammlung, ein 50er Jahre Plattenschrank samt Nierentisch-ära Leuchte. Accessoires die in seiner Jugend – er ist 1964 in Hamburg geboren – schon Vintage waren. Drum herum entsprießt eine mit viel Effekt gestaltete Show. Licht, Klang, musikalische Witzchen, die er sich aus dem großen Repertoire der Klassische-Musik-Comedy zusammengesucht hat, fügen sich zu einem rund um stimmigen Abend. Da kann auch „Da Da Da“ von Trio gerne neben Ed Sheeran stehen und sich mit AC/DC die Klinke in die Hand geben. Ray Charles darf auf „We Will Rock You“ treffen, Jazz-Pianist Art Tatum auf „Jeans On“ (David Dundas) gespielt auf dem Fender Rhodes.

Jedes Stück wird angekündigt wie eine Sensation, aber bei Wendt ist eben alles etwas anders. Auch anders Schubert-Impromptus und Rimski-Korsakows Hummelflug. Und natürlich war da noch mehr, aber wer möchte alles verraten über eine Show, die auch von Überraschungen lebt. Großer Applaus.

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