Interview: „Jeder Mensch besitzt eine Aura“

Interview : „Jeder Mensch besitzt eine Aura“

Interview Nigel Kennedy kommt mit seinem Programm „Bach meets Kennedy meets Gershwin“ am 3. März in die Tonhalle. Im Gespräch gewährt er uns ungewohnt tiefe Einblicke in sein Fühlen und Denken.

Der britische Violinist Nigel Kennedy ist alles andere als angepasst, sowohl musikalisch als auch in der Art und Weise wie er sich selbst präsentiert. Schon seit den 80er Jahren steht er für einen Gegenentwurf zum traditionellen Klassikbetrieb. Dafür wird er geliebt, manchmal auch gehasst. Am 3. März besucht er mit seinem aktuellen Programm die Tonhalle Düsseldorf. Im Gespräch mit uns zeigt er auch seine philsophische Seite und eröffnet ungewohnt persönliche Einblicke hinter die punkige Kulisse.

Sie sind in gewisser Weise dafür berühmt, Grenzen zu überschreiten; musikalisch, stilistisch, von der Art wie Sie sich auch rein äußerlich geben. Aber gibt es bestimmte persönliche Grenzen für Sie, die Ihnen wichtig sind?

Nigel Kennedy: Ja, auf jeden Fall. In der Musik bin ich sehr an Harmonie interessiert. Auch in der Improvisation gibt es sehr strenge Prinzipien, an denen man festhalten sollte. Dies gilt auch insbesondere für barocke Improvisation. Für gewöhnlich denkt man, Improvisation sei vollkommen frei, aber es gibt – vielleicht nicht unbedingt Regeln – aber Konzepte, die man befolgen muss, um Strukturen zu erzeugen und dem Improvisierten Sinn zu geben. In dieser Hinsicht gibt es Grenzen. Aber auch in der Art und Weise wie man Menschen begegnet. So mag ich beispielsweise nicht, wenn Menschen mir mit ihrem Gesicht zu nahe kommen, vor allem, wenn man diese Person noch nicht kennt. Jeder Mensch besitzt eine Aura um sich herum und dies ist nicht nur der physische Körper. Und diese Aura ist der Raum, in dem wir existieren. Wenn mir Menschen zu nahe kommen, so habe ich damit gewisse Schwierigkeiten.

Sie sprechen über „Aura“ – sind Sie spirituell?

Kennedy: Ich glaube schon daran, dass wir mehr sind als bloß die Substanz aus der wir bestehen. Da gibt es etwas, was uns alle verbindet, eine darüberhinausgehende Verbindung, die es gibt und das ist mehr als Physik. Ich interessiere mich sehr darfür, vor allem als Musiker, denn in den zwei bis drei Stunden im Konzertsaal kann das Publikum eine solche Verbindung mit den Interpreten eingehen, die das Alltägliche transzendiert.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Düsseldorfer Publikum und der Tonhalle gemacht?

Kennedy: Ich empfinde die Akustik der Tonhalle als phantastisch. Durch die besondere Form des Saales wird der Klang dessen, was auf der Bühne passiert, perfekt in den gesamten Raum verteilt. Es wird nichts verfremdet. Aber vor allem habe ich eine besondere Verbindung zu dem Düsseldorfer Publikum, denn die Düsseldorfer komplettieren diese Art von elektrisch aufgeladenem Kreislauf, den Musik in sich trägt. Ohne Zuhörer kann diese Kraft nicht entstehen. Was ich in Düsseldorf festgestellt habe, ist, dass das Publikum einerseits sehr konzentriert zeitgleich andererseits sehr entspannt ist. In Düsseldorf zu spielen, fühlt sich nicht an wie eine schreckliche Prüfung. Die Menschen hier verstehen zudem auch die tieferliegenden Bedeutungen dessen, was ich spiele.

Lassen Sie uns nun zu Ihrem Konzert in Düsseldorf und dem Programm, das Sie zurzeit spielen, kommen: „Bach meets Kennedy meets Gershwin“. Wie kam es zu dieser Melange?

Kennedy: Ich habe mich bewusst in die Mitte genommen. Ich spiele Bach jeden Morgen. Ich glaube Bach gut zu kennen, seine DNA, seine Charakteristiken, seine Leidenschaft, seine Architektur und die Balance – seine Musik ist die wohl balancierteste, ausgewogenste, die ich kenne. Es fühlt sich fast so an, als hätte ich ihn schon persönlich getroffen. Dabei entwickelt sich mein Verständnis seiner Musik andauernd. So wird das Düsseldorfer Konzert ein Spiegel meines aktuellen Verständnisses darstellen. Die Verbindung zwischen Bach und Gershwin ist, dass sie beide große Meister der Harmonik waren, jedoch in sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Gershwin war einer der größten Liederkomponisten aller Zeiten. In Bach findet sich wiederum eine große Logik, sowohl harmonisch als auch emotional.

Wann kam ihre Liebe zu Gershwin auf?

Kennedy: Als ich Teenager war, begann ich mit Stéphane Grappelli, der größte Swing-Jazz-Violinist aller Zeiten, zu musizieren. In seinem Repertoire tauchten zahlreiche Gershwinsongs auf. Bevor mir klar war, dass diese Melodien von Gershwin stammten, spielte ich schon viele dieser Stücke mit ihm. Und liebte diese Musik sehr. Später allerdings gab es auch eine Phase, in der ich Gershwin weniger mochte, denn ich hörte Musical-Versionen dieser Songs mit diesem schrecklichen theatralischen Zugang. Doch wenn man etwa Ella Fitzgerald „Porgy and Bess“ singen hört, so ist es etwas ganz Anderes. Das hat mich sehr beeinflusst in der Art wie ich spiele. Sie hat eine derartige Linie in ihrer Interpretation – ich liebe eine Zielrichtung in Musik, eine Phrase muss von A zu B führen.

Kehren wir zurück zu dem Konnex Bach-Gershwin. Sind beide auf eine Art pur?

Kennedy: Purheit ja – eine hundertprozentige Integrität. Bach und Gershwin sind ehrlich zu ihren Emotionen. Es gibt nichts, was man verbessern könnte in beider Musik.

Indes improvisieren Sie mit der Musik, rekreieren im Moment.

Kennedy: Meine Art zu spielen ist fast wie eine Séance, eine Meditation mit Bach. Man überlässt dem Komponisten die Kontrolle. An guten Abenden – nicht bei jedem Konzert – ist es so, dass die Musik die Kontrolle über mich hat. Ich werde zu einer Art Diener, einem Wekzeug für die Musik. Bach ist der Fahrer, der das Auto steuert und ich bin das Auto.

Werden sie Bachs und Gershwins Musik ineinanderfließen lassen?

Kennedy: Nicht so sehr. In den improvisierten Passagen der Gershwin-Stücke ja. Dort zitiere ich auch mal Bach oder Mozart. Aber die Werke von Bach respektiere ich viel zu sehr, um seine Musik zu besudeln. Ich spiele puren Bach. Ein Guter Startpunkt für das Konzert. Ich werde beispielweise in dem Konzert mit der E-Moll Sonate von Bach beginnen. Um dann mit meiner Musik und Gershwin relaxter zu werden

Konzert am 3. März in der Tonhalle (Ehrenhof) um 19 Uhr. Weitere Infos und Karten unter:

Mehr von Westdeutsche Zeitung