Zeitgenössische Musik: Ist das Musik oder kann das weg?

Zeitgenössische Musik : Ist das Musik oder kann das weg?

Gelegenheit zeitgenössische Musik auf sich wirken zu lassen, gibt es am Samstag in der Tonhalle. Unter anderem werden zwei Geburtstage gefeiert und viel experimentiert. Doch wie ist das eigentlich mit den „neuen“ Klängen?

Angesichts dessen, was dem Publikum bisweilen im Kontext zeitgenössischer Kunstmusik begegnet, könnten manche frei nach dem schnippischen auf Kunst gemünzten Ausspruch in der Tat fragen: Ist das Musik oder kann das weg?

Supernova – das heißt in der Tonhalle, dass wieder alle Zeichen auf zeitgenössische Musik stehen. Diesmal feiert man mit dem Ensemble Aventure in der Rotunde der Tonhalle am Samstag um 20 Uhr den 80. Geburtstag des Komponisten Nicolaus A. Huber, dessen „Konzert für naturmodulierte Soli und Ensemble“ aufgeführt wird. Dazu gesellt man Werke seiner Schüler, etwa von Gerhard Stäbler, er ist dieses Jahr 70 geworden. Von ihm wird ein neues Werk „Game – Ausschweifendes...“ zu erleben sein. Dazu kommen Werke von Kunsu Shim und Martin Schüttler unter dem Dirigat von Nicholas Reed.

So wie mancher Museumsbesucher bei zeitgenössischer Kunst die Nase rümpfend scherzhaft fragen mag, ob der Mülleimer ein Kunstwerk ist oder nicht, so mag auch mancher Konzertbesucher bei manchen Klängen und Aktionen, die bei aktueller Avantgarde ihm audiovisuell begegnen, fragen, ob nun vielleicht die Tonanlage defekt ist oder die Musiker noch stimmen. Nun aber genug von diesen Vorurteilen, die mehr von Ignoranz genährt sind als wirklich von wahrhaftiger Auseinandersetzung mit aktuellen Strömungen der Kunstmusik.

Was man aber schon zugeben muss, aktuelle Kunstmusik in manchen Sparten und Spielrichtungen – sie ist ja viel bunter als Nörgler gerne vormachen – erschließt sich bisweilen nicht von selbst und ist vielleicht auch nicht geeignet, um sich entspannt in hübschen Melodien mit warmblütigen Harmonien schwelgend in den Konzertabend hinein zu träumen. Wenngleich es doch so viel in zeitgenössischer Musik zu entdecken gibt. Klangsphären, die tief in die Seele hineinfließen, Assoziationsketten, die Fantasien anregen, Experimente, die den Zuhörer und Zuschauer herausfordern und so zum Nachsinnen anregen, Collagen, die nostalgisches in neuen Zusammenhang packen, Mischungen aus akustischem Spiel mit instrumentalem Zauber, aus technischer Raffinesse mit simpler und edel-naiver Einfachheit.

In der Konzeptmusik geht es zuallererst um die Idee

Ein besonders aktuelles Phänomen ist Konzeptmusik. Ähnlich wie in der bildenden Kunst, geht es hier nicht mehr lediglich darum, was ein Komponist in Klang gesetzt hat, sondern viel mehr um eine Idee die sich schließlich in der Komposition – wenn man es noch so nennen möchte – entäußert. Inwieweit die Idee der Konzeptmusik eine legitime ist, wenn wir das Konzept von Musik nicht aufgeben möchten, muss diskutiert werden, genauso wie die bisweilen etwas technisch-blutleeren philosophischen Ausführungen, wieso diese post-post-moderne Idee die eierlegende Wollmilchsau zukünftiger Musikästhetik sei. So hat etwa Johannes Kreidler in seinem Konzeptstück „Fremdarbeit für Flöte, Violoncello, Keyboard, Schlagzeug, Sampler und Moderator“ einen chinesischen Auftragskomponisten, einen Billig-Lohn-Komponisten als Beispiele seine eigenen Werke zugeschickt und den Auftrag erteilt, daraus ein neue „Stilkopie“ anzufertigen. Dieses Konzept ist selbst Teil der Ästhetik dieses Stückes, das diese Auftragsarbeit integriert, mit Moderationen erklärend würzt und sogar mit einem Produkt eines Auftrags-Programmierers, der sich auf rein technische Weise der Musik Kreidlers nähern sollte, mischt. Die eigentliche kompositorische Leistung des Komponisten – also Kreidlers – ist hier das Ersinnen des Konzepts und das Zusammenfügen zu einem Gesamterlebnis. Auch dies wird bei der Supernova zu hören sein.

Der Fokus aber liegt auf der Geburtstagsfeier. „Ich war Nicolaus A. Hubers erster Kompositionsstudent und da schließt sich dann eine Klammer von der damaligen Zusammenarbeit bis heute. Wir sind auch gut befreundet, treffen uns regelmäßig und tauschen uns aus“, erzählt uns Stäbler, den wir im Vorfeld des Konzertes telefonisch erreichten. In seinem Stück (Game – Ausschweifendes) „geht es in erster Linie darum, anzuregen darüber nachzudenken, was eigentlich Spiele sind. Im Verlauf des Stückes wird das Publikum auch eingeladen mitzumachen, was ich öfters in meinen Stücken habe; eben nicht nur zuzuhören, sondern einen eigenen akustischen Kommentar auszugeben“, beschreibt er bündig die Idee hinter seinem Werk. Und hier haben wir das Zauberwort „Spiel“, was vielleicht als Schlüssel dienen kann für Vieles, was uns in zeitgenössischer Musik begegnet. Dazu passt doch wunderbar das Dikutm Stäblers über Huber: „Was ich bei Huber sehr schätze, ist die große Sensibilität für Klang und das Weiterdenken in die Gesellschaft hinein – das verbindet uns und schlägt den Bogen zu der Zeit, in der wir uns das erste Mal begegnet sind.“

Lassen Sie sich überraschen und nein, diese Musik kann nicht weg! Musik ist eine Sprache, die jeder erlernen kann.

Weitere Infos zum Konzert unter:

tonhalle.de

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