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Zeitgenössische Musik: Ist Avantgarde populär?

Zeitgenössische Musik : Ist Avantgarde populär?

Freitag kommt Max Richter in die Tonhalle, zeitgleich spielt Notabu Neue Musik. Zwei Welten – oder doch nicht?

Bei zeitgenössischer Musik denkt man gemeinhin an Kunstmusik, so wie sie etwa vom Düsseldorfer Ensemble Notabu bei ihrer Reihe „Na hör´n Sie mal!“ gespielt wird. Auch diesen Freitag widmen sich die Musiker – diesmal nicht in der Tonhalle, sondern in der Neanderkirche – kunstvoller Musiksprache. Bei ihrem Konzert, passend zum November, stehen „Klagelieder“ auf dem Programm, von Oskar Gottlieb Blarr – ein Grand Senior Düsseldorfer Neuer Musik –, von Isang Yun und, etwas ältere Avantgarde, dem Recordare op. 11 von Kurt Weill.

Doch zeitgenössische Kunstmusik hat heute mehr denn je – wobei viele der Strömungen schon seit Jahrzehnten parallel existieren – viele Gesichter. Und bei aller ästhetischen Qualität von hochkomplexer, klug gefügter und anspruchsvoller Avantgarde, die den Hörer oft herausfordert und zum intellektuellen Nachschöpfen im eigenen Geiste zwingt, gibt es immer wieder auch Phänomene, auch in heutiger Kunstmusik, die mehr zum Los- und Fallenlassen geeignet sind. So findet zeitgleich in der Tonhalle selbst ein Heinersdorff-Sonderkonzert mit dem britischen – er ist indes in Hameln geboren – Komponisten und Instrumentalisten Max Richter statt, bei wahrscheinlich ausverkauftem Haus – es gibt noch Restkarten.

Wird Strömungen der Minimal Music oder auch der sogenannten „Neoklassik“ – wobei sie zu vergleichen auch schon für viele ein Sakrileg wäre – gerne eine gewisse Banalität und Effekthascherei zum Vorwurf gemacht, muss andererseits auch hier, wie in jeder Kunst emphatisch betont werden, dass es gute und schlechte Komponisten, gelungenere und weniger gelungenere Werke in dieser Sphäre gibt. Dies gilt übrigens auch für die gemeinhin als künstlerisch über jeden Zweifel erhaben geltenden Komponisten der europäischen Avantgarde.

Max Richters Musik begeistert sehr viele Menschen, unterschiedlicher musikalischer Prägung. Er spielt auf verschiedenen Ebenen musikalischer Produktion, auf der rein künstlerischen, aber auch auf dem Gebiet von Gebrauchsmusik – so etwa Filmmusik, die ja mehr und mehr eine gewisse populäre Ersatzdroge für die bisweilen etwas sperrigere Kunstmusik auch gespielt von großen Orchestern in bedeutenden Konzertlokationen avancierte. Das kann man gut finden oder auch nicht, es ist aber Fakt. Was Richters Werk indes auszeichnet, ist die ästhetische Qualität, die aus einer postmodernen Eklektik schöpft, also zahllose musikalische oder auch bisweilen außermusikalische Einflüsse in sich bindet, diese aber in eine Musiksprache transformiert, die ganz von heutigen Hörern verstanden werden kann. Weil sie eben Ausdrucksmittel nutzt, die in der Luft liegen und ohnehin in der Musik, vor allem auch der Gebrauchsmusik, genutzt werden.

Ob dies nun besser oder schlechter ist, als das, was gemeinhin unter dem Stichwort „Neue Musik“ und dessen Erben, in nicht selten nur durch ein spezialisiertes Liebhaber-Publikum besuchten Konzerten zu Gehör gebracht wird, kann und sollte niemals pauschal beantwortet werden. Aber es muss schon etwas dran sein, dass es zunehmend Phänomene in der Kunstmusik gibt, die sich das niederschwellige Abholen des Publikums, da wo es ist, auf die Fahnen schreibt, ohne ästhetisch in Kitsch oder Schlimmeres zu verfallen.

Richter beispielsweise hat mit „Sleep“ durchaus ästhetische Grenzen überschritten, eigentlich typisch für den Innovationsgedanken der „klassischen Avantgarde“. In dem achtstündigen Werk, das während des Schlafens und Einschlafens gehört werden soll, geht es um die kompromisslose Augmentation der Idee, dass zeitgenössische Musik Menschen davontragen, entrücken und im wahrsten Sinne des Wortes zum Träumen bringen kann. Eine Idee, die in der Avantgarde beim besten Willen lange Zeit für tüchtig Naserümpfen gesorgt hätte.

Einlullen kann doch keine Kunst sein – so der vielleicht gar nicht so illegitime Einwand. Doch das nicht enden wollende „Schlaflied“, bei dem sich Richter von einem Neurowissenschaftler hat beraten lassen, ist eben ein konsequenter Gegenentwurf zu unbequemer „querständiger“ Musik. Bei seinem Konzert in der Tonhalle wird übrigens eine 90-minütige Konzertversion von „Sleep“ zu hören sein.

Es wäre töricht das, was Notabu und Co. machen, gegen Richter und Co. auszuspielen. Aber darüber nachdenken, was sich über zukünftige Entwicklungen von Musik-Kunst an gewissen Phänomenen ablesen lässt, sollte man schon wagen. Positivistisch wird sich die große Zukunftsfrage der Kunstmusik nicht beantworten lassen. Aber Qualität setzt sich durch. Oder?

Infos zu beiden Konzerten unter:

tonhalle.de