Harald Naegeli: Mit 71 zu alt für Graffiti

Harald Naegeli: Mit 71 zu alt für Graffiti

Die Farbdose will der Pionier der Graffitikunst nicht mehr zur Hand nehmen. Seine Kunst besteht jetzt aus Punkten und Strichen.

Düsseldorf. Harald Naegeli ist wieder da, der „Sprayer von Zürich“, der hier über 20 Jahre lebte und dann in seine Schweizer Heimat zurückkehrte. Hier hatte er das Telefon abgestellt und das Atelier aufgelöst. Nun fand er in Bilk eine neue Werkstatt und lädt am Freitag zu einer Ausstellung in der Galerie Art Unit an der Leopoldstraße 52 ein. Highlights sind die Tierzeichnungen und die „Urwolken“. Endlich habe er sich entschlossen, die Blätter zum Verkauf anzubieten, zu Preisen zwischen 3000 und 7000 Euro. „Jetzt komme ich in den Kapitalismus hinein“, sagt er ironisch und rückt dabei seinen Strohhut zurecht.

Dieser helle und luftige Sommerhut ist sein Erkennungsmerkmal, so wie der graue Filzhut zu Joseph Beuys gehörte. „Den Hut setze ich auf, weil er das Auge besser beim Zeichnen abschirmt. Meine Augen haben etwas nachgelassen“, entschuldigt er sich fast. Sie seien jedoch scharf genug, um mit der „Spitzfeder“ Säbelantilopen mit langen Hörnern, Greifvögel auf dünnen Beinen und nun auch die „Urwolken“ in vielen Variationen zu zeichnen.

Diese „Urwolken“ sind sein ganzer Stolz. Sie haben nichts mit realen Wolken am Himmel gemein. Sie bestehen fast aus nichts, oder genauer: aus kürzeren und längeren Strichen sowie aus Punkten. An ihnen arbeitet er seit 1990 und erklärt: „Ich suche eine Durchsichtigkeit und eine Energie. Die Striche sollen sich zusammenziehen und auseinandergehen. Sie erinnern mich an magnetische Felder.“

Naegeli ist glücklich, dass er wieder mit Düsseldorfern sprechen kann, gehörte die Landeshauptstadt doch zu jenen Orten, in denen er vor einer weiteren Verhaftung durch die Schweizer Polizei als Sprayer Zuflucht fand. Nun aber meint er: „Ich sprühe nicht mehr. Es gibt zu viele Nachahmer. Meine Revolution ist jetzt subtiler.“ Niemand könne seine Spraybilder von denen der anderen unterscheiden. Da sei es Zeit, aufzuhören. Außerdem sei er mit 71 Jahren zu alt dafür.

So ganz will er sich jedoch nicht von seiner Protestphase verabschieden. Deshalb hat er ein Erinnerungsstück nach Düsseldorf mitgebracht, eine Maske. Die hatte er aufgesetzt, als er am 24. April 1984 mit Beuys und Staeck (Politkünstler und heute Präsident der Akademie der Künstler) über die Grenze von der Schweiz nach Deutschland ging. Später wurde er in der Schweiz eingesperrt. Sprayen galt damals und gilt auch noch heute als Sachbeschädigung. Der Künstler musste vier Monate in einem Hochsicherheitstrakt in Winterthur und zwei weitere Monate in einen offenen Vollzug in Luzern verbringen. Nach der Haftverbüßung lebte er seit 1986 zunächst in Düsseldorf, ging dann aber wieder in die Schweiz.

Von der Vergangenheit will er heute nicht mehr viel wissen. Er sagt: „Die Urwolken sind mein Lebenswerk. Sie zeichnen sich wie von selbst, so fein sind sie.“ Er benutze dazu die Spitzfeder, weil sie sich am ehesten für diese körperlosen Motive eigne. Und sofort kommt er beim Reden wieder in Fahrt: „Ich erzähle ja keine Geschichten. Meine Wolken sind etwas Überindividuelles. Ich möchte sie als Utopie der Unendlichkeit bezeichnen.“

Nur ja nicht das Innere preisgeben, das war schon immer seine Devise. Konkret wird er erst wieder, wenn es um sein Gastspiel in Düsseldorf geht. Er sei zufällig in die Galerie Art Unit hereinspaziert, wo man eine Beuys-Ausstellung zeigte. Als man ihn erkannte, habe man ihm eine Ausstellung angeboten. Am Donnerstag wird er sie eröffnen.

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