Gigantomanische Klangfluten treffen in der Tonhalle auf Mozart

Konzert : Gigantomanische Klangfluten treffen auf Mozart

Asher Fisch lenkte die Düsseldorfer Symphoniker effektvoll durch Strauss‘ Alpensinfonie.

Die Orchestersprache der Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts – also jene Zeit zwischen den 1880er und 1920ern – hat unsere Hörgewohnheiten von heute derart geprägt, dass sie uns etwas gänzlich Vertrautes ist. Und dies nicht nur, wenn wir leidenschaftliche Konzertgänger sind. Diese Tonsprache ist auch beispielsweise in der Filmmusik, wie sie Hollywood über Jahrzehnte gebrauchte, omnipräsent. Eine Klangsprache, die genauso den großen Gestus des orchestralen Rausches liebt, wie das innerliche schwebend Mystische, den Klangteppich, auf dem große melodische Bögen himmelwärts streben oder auch mal den großen Knall der Ehrfurcht gebietet vor den Urmächten, die beschworen werden.

Die Klangfluten wirkten
atemberaubend aufreizend

Die gigantomanischen Klangfluten eines spätromantischen Orchesters, mit chromatisch – also tonleiterfremd – aufgeladener Harmonik und einer bisweilen zügellosen Melodik, müssen atemraubend und aufreizend neu auf das Publikum vor gut 100 Jahren gewirkt haben. Dieses im Kopf wirkt „Eine Alpensinfonie op. 64“ von Richard Strauss, wenngleich sie selbst für heutige Ohren ein übergroßes Klanggemälde ist, noch ein bisschen gewaltiger. Mit einer üppigen Besetzung entsteht eine nicht nur äußerliche, sondern auch innerliche Beschreibung einer Bergbesteigung. Bei der ein Fernorchester aus 12! Hörnern, zwei Trompeten und Posaunen nicht fehlen darf und unter anderem eine Windmaschine, Donnermaschine oder die gar nicht so selten verwendeten Kuhglocken vorgeschrieben sind. Ursprünglich als eine Hommage an Nietzsche gedacht und erst spät im Entstehungsprozess als „Alpensinfonie“ bezeichnet, schildert Strauss in 22 Stationen sowohl mystische als auch naturalistische Erlebnisse in den Alpen. Inklusive eines beeindruckenden Gewitters. Die Idee soll übrigens auf einer Kindheitserinnerung von Strauss beruhen und lässt einen wirklich fürchten wie ein Kind.

In der Klangwelt fühlen sich
die Symphoniker sichtlich wohl

Das erschlägt einen schon ein bisschen. Insbesondere wenn man diese Sinfonische Dichtung, die 1915 vollendet war, am gleichen Abend hört wie ein Klavierkonzert von Mozart, in unserem Fall KV 450 in B-Dur. Mozarts erstes „großes“ Klavierkonzert wurde zudem noch eingerahmt von einem ebenfalls diesen Geist der Jahrhundertwende beschwörenden Jugendwerk des polnischen Komponisten Karol Szymanowski. Das bedient sich exakt der gleichen Rezepte wie Strauss, doch im Grunde viel agiler sprühend, die Würze in der Kürze suchend.

Die Konzert-Ouvertüre E-Dur op. 12 eröffnete also das Sternzeichenkonzert unter der Leitung des israelischen Dirigenten Asher Fisch, der als Spezialist für die oben beschriebene spätromantische Klangsprache gilt. In dieser Klangwelt fühlen sich die Düsseldorfer Symphoniker sichtlich wohl und ließen sich zu schäumend sprudelndem Spiel animieren. Fisch sucht dabei sowohl bei Strauss als auch Szymanowski den vielschichtigen Klang. Weniger das Ausformen einzelner identifizierbarer Gedanken oder Phrasen reizt Fisch, sondern ein Schicht um Schicht aufgebauter Gesamtklang, voller sich – wenn geboten – überlagernder vibrierender Details, die aber zu einem großen Ganzen verschmelzen. Gefahr hier: dass das Detail übertüncht oder unscharf wird. Aber sehr effektvoll!

Die Zuhörer wurden auf
ungewisses Terrain gelockt

Bei Mozart vertraute man auf souveräne Klanggestaltung ohne besonders hervorstechende Auffälligkeiten, dies ist einerseits gut, andererseits wirkte manches etwas beiläufig. Pianist Sergei Babayan, geboren in Armenien, allerdings Bürger der USA, verfügt über einen raffiniert schlanken Anschlag. Hielt sich recht präzise an Mozarts musikalischem Sinngefüge. Doch vielleicht wäre hier und da ein Hauch mehr lyrische Weichheit angebracht. Insbesondere der Einstieg in den zweiten Satz geriet etwas zu direkt im Ton. Verwirrend manchmal die nicht erkennbare Zielrichtung von Läufen – speziell im 3. Satz – die zwar nicht ins Straucheln geraten, aber den Hörer auf ungewisses Terrain locken. Wobei dies bei einem derart versierten Meister mehr Programm als ein Mangel sein mag.

Ein emotionales Konzert, das in großen Teilen für Begeisterung beim Publikum sorgte.

Nochmal am Montag (20 Uhr) in der Tonhalle (Ehrenhof).

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