Generalmusikdirektor Axel Kober beim Ring in Düsseldorf begleitet

Reportage : Musikalisches Wellenreiten mit Axel Kober

10 Jahre Kober in Düsseldorf: Ein intimer Blick auf den Mann und seine Kunst. Wir haben den Generalmusikdirektor der Oper während der zyklischen Aufführung von Wagners „Der Ring des Nibelungen“ begleitet, die für großen Jubel sorgte, durften mit ihm in die Katakomben des Opernhauses und den Orchestergraben.

Es ist ein recht schmaler Durchgang, umknotet von offenliegenden Leitungen neben und vor dunkel getünchtem Holz, der den Weg zum Orchestergraben der Oper Düsseldorf eröffnet. Ein wenig wie der Geburtskanal für die so mystische musikalische Welt, die sich ihren Weg aus dem Graben hinauf zum Publikum bahnen wird. Durch diesen Spalt geht ein jeder, der in den klanglichen Maschinenraum gelangen möchte, jenem einerseits so hermetischen, andererseits den direkten Zugang zu den Seelen des Publikums schaffenden Ort.

Axel Kober, der Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein, steht an diesem Grenzpunkt zwischen den Katakomben der Hinterbühne und dem Graben, blickt mit festem Blick hinauf zum Zuschauerraum, der noch golden-rosa in warmes Licht getaucht ist. Wie oft ist er die letzten zehn Jahre dort, auf seinen Auftritt wartend, genau an jenem Punkt gewesen, wie oft ging er dann die nur wenigen und doch so bedeutenden Schritte zu seinem Pult, verbeugte sich vor dem Publikum, wandte sich zum Orchester und ließ mit sicherer Hand, immer lächelnd, glaubt man zu wissen, den Impuls für den ersten Takt der gerade gespielten Oper von seinem Geist in seine Hände, seine Augen und schließlich zu den Musikern der Düsseldorfer Symphoniker springen.

Im Orchestergraben offenbart Kober seine Kunst

Heute ist es der erste Tag von Wagners Ring, die Aufführung der Walküre des Ringes am Rhein, der im Rahmen eines Zyklus in Folge alle Teile des Bühnenfestspiels im Abstand von wenigen Tagen auf die Bühne in Düsseldorf bringt. Kober steht mit seinem frisch gereinigten, schmucken Frack an der besonderen Ecke, die ihm soeben den Blick in den Raum gewährt, und wartet. Kaum merkt man ihm eine Anspannung an, vielleicht eine innere Energie, die sich alsbald ihren Weg suchen wird – dieser Moment hat zweifelsohne etwas Meditatives. Großer Applaus, Verbeugung und der erste Ton der Walküre erklingt schließlich. Mit seinem feinen Taktschlag, der präzise die Akzente betont – nicht selten nimmt er dabei seinen ganzen Körper zur Hilfe – befeuert und kontrolliert er, lässt er laufen und bändigt den Gewittersturm, wird später die süßlichsten Liebes-Melodien lenken, Wotans Schmerz kanalisieren und Brünnhildes Verzweiflung unterstreichen.

Mit den Fingern seiner rechten Hand hält Kober den immer frei schwingenden Taktstock am Kork, verkrampft nicht, umzwingt diesen nicht wie ein Falke, der seine Beute in der Kralle fixiert; sein Griff am Stock hat etwas sympathisch Gütliches. Und ist dennoch bestimmt und sicher. Genauso die Einsätze, die er mit Lächeln gibt, mit einem Lächeln im Auge. Nur selten wirkt Kober streng, wenn er die Balance des Orchesters auch mal in die Knie gehend zugunsten der Sänger auf der Bühne nachjustieren möchte.

Und das braucht es in Düsseldorf leider öfter, als man glauben möge. Sitzt man im Graben, merkt man schnell, wie diffizil doch die Balance ist, wieviel Gespür es bedarf, den dichten Orchesterklang luftig zu weben, ohne dass sich das Seil verknotet, wie dereinst bei den Nornen in der Götterdämmerung. Schnell schaltet Kober um, von sich tragen lassen, mit weit nach oben gestreckten Armen, zu feingliedrigerem Akzentuieren. Kobers Taktstock tendiert eher nach oben, erdrückt nicht mit nach unten gepresster Geste – das ist Psychologie. Mag man sich denken: Was macht es schon, mit welchem Schwerpunkt sich der Stock eines Dirigenten bewegt, das ändert doch an der Musik nichts? Aber jede noch so kleine Bewegung schleicht im Winkel des Auges eines jeden Musikers tief in dessen Geist und kriecht wie eine unsichtbare Kraft schließlich durch Herz und Hand in das Instrument. Manchmal mit glanzvollem Ton und manchmal auch nicht. Nicht jeder Moment ist Zauber, Orchesterarbeit ist harte Arbeit. Dies gilt sowohl für die Musiker – von den Sängern brauchen wir hier nicht zu sprechen, denn deren Einsatz ist auf der Bühne stets offensichtlich – als auch für den Dirigenten.

Und dann gibt es jene Momente, in denen etwas ganz Außergewöhnliches im Graben passiert, Momente, in denen die Musik über sich hinauszuwachsen scheint, in denen Kober mit dem Orchester über der Partitur schwebt, sich ein transzendenter Ausdruck auf seinem Antlitz breit zu machen scheint, seine Arme nach vorne streben, Leichtigkeit im Schweren möglich wird, das Orchester wie im Bann einen perfekten dichten Klang produziert. Jene Momente, wenn Orchester und Dirigent plötzlich auf einer musikalischen Welle reiten und Musik so natürlich und richtig klingt, als würde sie in diesem Moment entstehen und zeitgleich aus dem großen Buch der ewigen Musikästhetik wörtlich zitieren.

„In diesen Momenten ist man ganz frei“, wird Kober später sagen, im entspannten Gespräch an einem freien Vormittag zwischen Walküre und Siegfried, bei einem gemütlichen Kaffee in seinem Arbeitszimmer im Opernhaus. Ein kleiner Raum übrigens, der eher anmutet wie ein Souterrain. Nein, die Bedingungen im Backstage-Bereich des Opernhauses sind wirklich nicht rosig; es ist eng und dunkel. Aber für diese baulichen Bedingungen entschädigen nun mal jene musikalischen Glanzmomente, die Kober tatsächlich auch ein wenig mit Wellenreiten vergleicht. „Es ist wirklich ein bisschen wie beim Wellenreiten“, sagt er. „Man muss schauen, wie groß ist die Welle, man muss die richtige Geschwindigkeit haben, man muss die Umgebung im Blick haben; wenn man die Welle erwischt hat, dann passt plötzlich alles, dann muss man gar nichts tun“, beschreibt er dieses Phänomen und verrät: „Es gibt die schwierigsten Stellen, die plötzlich ganz einfach funktionieren. Das ist auch nicht zu erklären.“

Auch an diesem Walküre-Abend, der für Jubelstürme bei dem Publikum sorgen wird, passieren diese Momente, die man von guten Orchestern und Dirigenten kennt, die im Orchestergraben noch mehr an Magie entfalten können, als auf der hell beleuchteten Konzertbühne. Merkt man Kobers Dirigat die Routine an, spürt man, dass er weiß, wo er ökonomisch sein kann mit seinen Bewegungen, so wirkt sein Agieren nie wie ein bloß handwerkliches Abspulen von einstudierten Gesten.

Diese Momente voller Stimmigkeit scheinen Kober insbesondere bei Wagner aufs Trefflichste zu liegen. Viel Lob hat er für den Ring am Rhein erhalten, wird gerne eingeladen, um Wagner zu dirigieren, war 2013 erstmals bei den Bayreuther Festspielen zu Gast. Kein Wunder, dass Kober an der Wiener Staatsoper den Ring dirigieren durfte. Wagner und Kober, das scheint zu passen, wenngleich er sich nicht nur auf dieses Repertoire festlegen lässt.

Es gibt viele Stellen just in dieser Walküre, die Kober aufs Besondere im Ton zu treffen scheint; da hilft auch die hervorragende Sängerbesetzung, die an diesem Abend eine ganz außergewöhnliche Qualität hat. Sogar die etwas zwiespältig rezipierte Regie von Dietrich W. Hilsdorf scheint wie ein guter Wein gereift und sich rund in das Gesamtergebnis zu fügen.

Man muss Wagners eigene Anmerkungen deuten lernen

Und dann gibt es Passagen, die man nur selten so hört, wie bei Kober, selbst bei den ganz großen Vorvätern des Wagner-Dirigates nicht. So eine ist beispielsweise ein Übergang in der dritten Szene des dritten Aufzugs der Walküre – der große Dialog zwischen Wotan und Brünnhilde, bevor der Gott seine Tochter in von Feuer umrahmten Schlaf auf einem Felsen bannen wird. Nach einer großen Steigerung folgen Wotans Worte „Der Augen leuchtendes Paar“. Zuvor kommt es zu einer sukzessiven Verlangsamung des Tempos. Das sogenannte Waberlohe-Motiv, das sich mit seinem suggestiv-hypnotischen Charakter durch das gesamte Finale der Walküre zieht, wird zunächst in Viertelnoten, und plötzlich schlagartig in Achtelnoten gespielt. Eine Schaltstelle, vielleicht eine kleine Bruchstelle, schlussendlich aber ein Übergang, der mit Bedacht gefügt werden muss, um den musikalischen Fluss, den Sinn und die Singbarkeit der darauffolgenden Passage zu gewährleisten. Oft entsteht an dieser Stelle eine seltsam unintuitive Rückung des Tempos; bei Kober indes nicht, ein weicher, logischer Übergang, als müsste es nicht anders sein. Fragt man ihn danach, erklärt Kober gerne, was es mit dieser Stelle auf sich hat; nimmt die Partitur zur Hand und weiß sogleich, worauf es ankommt. Hierzu muss man aber Wagners Kommentare aus der ersten Aufführung des Rings in Bayreuth kennen, verrät Kober. Und weiß man diese Kommentare im Kontext zu deuten, so hilft es just auch an dieser Stelle den richtigen Ton zu finden.

Auch hier gilt für Kober: „Es gibt gewisse Stellschrauben.“ Wie auch, um jene schwebend-wellenreitende Momente zu erreichen: „Es gibt Punkte, wo ein Tempo eine bestimmte Qualität haben muss, um fünf Minuten später diesen Moment zu erreichen. Wenn ich den Schaltpunkt verpasse, kann ich nicht auf der Welle reiten, weil es nicht stimmt.“ Man spürt Kobers Begeisterung für seine Arbeit, wenn er über diese Feinheiten spricht. „Das sind Sachen, die kann ich nicht am Schreibtisch lernen. Es sind Erfahrungsmomente, die das häufige Proben und Dirigieren und das weitere Eindringen in diese Werke mit sich bringen“, sagt er.

Wie studiert also Kober die Werke ein? „Wenn der Studierprozess ideal läuft – was auch immer eine Zeitfrage ist –, dann beschäftige ich mich ausschließlich mit der Partitur“, sagt er. „Lerne sie am Tisch, mal am Klavier ein wenig anspielend, aber nicht über das Hören, sondern zu allererst nur den Text. Wenn man das tut, muss man versuchen, den Kontext des Komponisten einzubeziehen“, beschreibt Kober diesen Prozess, bei dem es auch zentral ist, zu verstehen, in welcher Schaffensphase etwa ein Werk eines Komponisten entstanden ist. Was hat den Schöpfer in dieser Zeit interessiert, was hat in beschäftigt? „Ich gehe zum Beispiel an den Fliegenden Holländer oder an den Tannhäuser ganz anders heran als etwa an die Götterdämmerung – auch stilistisch. Wagner ist nicht gleich Wagner“, sagt Kober. Er versuche, die Partitur immer besser und besser kennenzulernen – natürlich durch ihn gefiltert –, sagt er und formuliert vielleicht ein Credo: „Für mich zählt, es nach meinem besten Wissen so zu machen, wie es Wagner dort hineingeschrieben hat.“ Etwas nur deshalb anders zu interpretieren, um bei Kritik und Publikum einen Aha-Effekt zu erhaschen, ist Kobers Verständnis vom Dirigententum fremd.

Dies mag vielleicht auch an seiner Genese liegen, an seiner akribischen Ausbildung bei Günther Wich in Würzburg. „Wich hat als Pädagoge letztendlich uns grundsätzlich beizubringen versucht, auf die Partitur zu hören“, erinnert er sich an den Unterricht und betont: „Es geht nicht um ein Ego, das dem Abend seinen Stempel aufdrückt.“ Gerade bei Wagner fasziniert Kober „die Verbindung zwischen Handlung, Text, Musik, Orchester, das Verweben von Themen, den psychischen Befindlichkeiten der Akteure, die sich dann im Orchester widerspiegeln“, und dies gelte es herauszuarbeiten. Und bei dem Kaffee in Kobers Zimmer verrät er auch, worin diese doch innige Beziehung zu dem Wagnerschen Gesamtkunstwerk seinen Ursprung haben dürfte.

 Kober, geboren 1970 im oberfränkischen Kronach, unweit von Bayreuth, durfte schon relativ früh als Schüler Proben am Grünen Hügel lauschen. „Das hat mich damals fasziniert. Deswegen war es für mich auch eine besondere Erfahrung in Bayreuth zu dirigieren“, erzählt er, und seine Augen bergen einen fast kindlich freudigen Glanz. Und Wagners Musik hat durchaus erschreckende Kräfte. Nicht umsonst lassen sich unzählige Wagnerianer in das süße Gift dieser Tonsprache hineinfallen, wie in einen tiefen Rausch. Diesen Rausch darf sich Kober indes als Dirigent im Orchestergraben nicht gönnen, dort gilt es, bei allem Genuss die Zügel in der Hand zu halten: „Wagner schafft es, einen in seinen Bann zu ziehen, wobei man aufpassen muss, dass es einen nicht hinwegschwemmt.“

Wenngleich gerade über Nacht im Schlaf oft Musik in den Tiefen des Geistes reifen kann. Es sei schwierig, nach einer Aufführung wieder herunter zu kommen, sagt Kober, der übrigens mit seiner Familie in Mannheim heimisch geworden ist. Gerade als seine drei Söhne noch jünger waren, war es für ihn sehr wichtig, so oft es geht – und das heißt auch mal nach einer Vorstellung – nach Hause zu fahren, um bei seiner Familie zu sein. Als Kober ab 2003 am Nationaltheater Mannheim wirkte, schlugen er und seine Familie, die auch sehr musikalisch ist, dort Wurzeln.

Nach zehn Jahren immer noch voller Kreativität

Musikalische Wurzeln indes hat Kober nun seit der Spielzeit 2009/2010 in Düsseldorf und Duisburg. Ein Jubiläum, das noch gebührend zu würdigen ist. Es gab in dieser Zeit viele schöne Momente in Kobers Schaffen am Rhein, doch gilt gewiss der Ring als ein besonderer Höhepunkt. Den man aber nicht als Schlusspunkt sondern vielmehr als einen Funken begreifen kann, um das Feuer noch mehr lodern zu lassen: „Wir haben sehr lange darauf hingearbeitet. Und es ist sehr schön, dass sich mit beiden Orchestern – sowohl den Düsseldorfer Symphonikern also auch den Duisburger Philharmonikern – die langfristige Arbeit auszahlt.“ Es gehe mit dem Gesamtniveau deutlich nach oben, analysiert Kober mit gewissem Stolz, denn „der Gesamtklang hat sich verändert, ist transparenter geworden, klarer artikuliert, die Strukturen sind deutlicher zu erkennen im gesamten Orchesterklang.“ Dies befeuere die ohnehin sehr kreative Stimmung, die musikalisch am Haus herrsche. Dass dies auch mit der so positiven Konstellation mit Ádám Fischer als Principal Director an der Tonhalle zu tun hat, weiß Kober auch. „Es ist für mich ein sehr wichtiger Faktor, dass in der Tonhalle jemand ist, mit dem ich auf einer Wellenlänge bin. Es ist auch wichtig, dass wir bei politischen Themen an einem Strang ziehen“, sagt er.

Und politische Themen gibt es in jüngster Zeit vermehrt, auch wegen den baulichen Bedingungen am Opernhaus Düsseldorf. Denn wenngleich sich das Haus mit dem Niveau der Sänger und des Ensembles sehr weit oben bewege, werde es nicht immer gebührend wahrgenommen – dies liege auch am Gebäude. Etwa an der Akustik, die dazu führe, dass Sänger nicht derart „direkt“ gehört würden, wie an vergleichbaren anderen Häusern. Man stoße immer wieder mit dem künstlerischen Potential an logistische Grenzen, erklärt Kober und gibt den Hinweis: „Das ging vielleicht früher besser, weil wir sehr viel mehr Mitarbeiter hatten, aber heutzutage ist das fast nicht mehr zu bewältigen. Und auch beim Ring haben wir höchstens die Hälfte der Bühnenorchesterproben im originalen Bühnenbild machen können, weil es unter den Bedingungen nicht anders ging“, sagt er, denn „wenn hier am Abend Vorstellung ist, ist es fast unmöglich, eine Bühnenorchesterprobe eines anderen Stücks im Original-Bühnenbild zu machen.“

Kober kann bisweilen auch ein nachdenklicher Mensch sein. Verschränkt die Arme vor dem Körper und schaut neugierig suchend seinem Gesprächspartner in die Augen. Da scheint die Freiheit, die er sonst ausstrahlt, kurz zu schwinden. Es sind in der Tat schwierige Themen, die alle Menschen am Opernhaus Düsseldorf umtreiben. Es ist kein Geheimnis, dass Kober für einen Neubau der Oper plädiert. Aber diese Umstände, seien sie auch bisweilen frustrierend, hindern Kober nicht daran, mit großem Elan weiter zu machen, so sagt er mit voller Überzeugung, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen: „Am Ende der zehn Jahre ist auch kein Ende der kreativen Zusammenarbeit in Sicht, sonst hätte ich auch nicht verlängert.“

Seit 2019 ist Kober zusätzlich Generalmusikdirektor der Duisburger Philharmoniker, er scheint dem rheinischen Publikum noch lange erhalten zu bleiben. Bis hierhin ging sein Weg über Schwerin, Dortmund und schließlich seine Wahlheimat Mannheim. 2007 wurde er Musikdirektor der Oper Leipzig, bevor er an die Rheinoper verpflichtet wurde. Von hier aus führten ihn Gastdirigate nach Dresden, Zürich oder auch an die Deutsche Oper Berlin und Hamburg, wo er in der kommenden Spielzeit die Premiere von Verdis Falstaff aus der Taufe heben wird.