Gemeinsam malen in Düsseldorf wider den Egoismus

Kunstprojekte : Gemeinsam malen wider den Egoismus

In Düsseldorf gibt es einen Trend zur Ko-Produktion. Beste Beispiele sind HobbypopMuseum, Pleti & Kreti sowie „deckkraft“.

Künstler gelten notgedrungen als Egoisten. Die Konkurrenz im Kunstmarkt ist hart. Und die Anzahl der Künstler wird immer größer. Dennoch gibt es eine erfreuliche Tendenz, dass Künstler gemeinsam an Projekten oder gar an Bildern arbeiten. Drei Beispiele sind dafür richtungsweisend.

Gegenwärtig stellen Christian Deckert und Martin Pletowski im Off-Raum „Fünfzehnwochen“ an der Keldenichstraße 96 in Gerresheim aus. Als Duo nennen sie sich „Pleti & Kreti“, abgeleitet von Pletowski und Christian. Den Namen verpasste ihnen ihr Akademieprofessor Alfonso Hüppi. Als „allerlei Pöbel“, so der allgemeine Sprachgebrauch, verstehen sie ihr „Pleti & Kreti“ jedoch nicht. Ihre Koproduktion ist aus der Not geboren. Kreti erklärt: „Ich wollte weg vom Zeichnen und hin zur Farbe. Ich fand aber nicht so recht einen Ansatz und bat Martin, vorbeizukommen und an einem gemeinsamen Bild zu malen.“ Pleti erwidert ähnlich: „Ich komme von der Farbe, die ich nur illustrativ verwendet habe. Ich wollte hin zur Figur und zur Erzählung von Geschichten.“

Beide nennen es eine „große Bereicherung“ und vergleichen ihr Tun mit der Improvisation in der Musik. Sie sagen: „Die Komposition entsteht aus dem gegenseitigen Geben und Nehmen. Jeder hat sein Solo, doch beide Spielhaltungen verzahnen sich.“ In einer Zeit des wachsenden Individualismus, der Einsamkeit und Isolation des Künstlers sei diese Art der Werkstatt-Idee befruchtend. „Kreti & Pleti“ sind dabei hart im Nehmen. Sie greifen gegenseitig in die Malerei ein, verändern, übertünchen und korrigieren sie, bis das Bild so ist, wie es beiden gefällt.

Die Gruppe HobbypopMuseum macht winkewinke vor ihrem gemeinsamen Auftritt im Kunstmuseum Bochum mit André Niebur (von links), Christian Jendreiko, Dietmar Lutz, Sophie von Hellermann, Matthias Lahme und Marie-Céline Schäfer (vorn). Foto: Helga Meister

HobbypopMuseum erobert die großen Museen der Welt

Ganz anders agieren die sechs Künstler, die sich zum „hobbypopMuseum“ zusammentun. Für den Musikprofessor Christian Jendreiko, den zeitweiligen Malereiprofessor Dietmar Lutz, die Architektin Marie-Céline Schäfer sowie für Matthias Lahme, André Niebur und Sophie von Hellermann ist es ein Lustgewinn. Ihre gemeinsame Laufbahn begann 1995 in einer ehemaligen Reparaturwerkstatt in Köln und drei Jahre später im leerstehenden Postgebäude am Düsseldorfer Hauptbahnhof, wo auch die Band Kreidler und der Club für elektronische Musikprojekte EGO logierten. Heute trifft man sich in San Francisco, London, Bonn oder Paris. Die quirlige, ideenreiche Gruppe liebt den Verschnitt aus banalen und trivialen Formen mit erhabener Kultur. Die Sechs nehmen das Museum auf die Schippe, wenn sie mit einer Tragetasche wie Selbstversorger anreisen und in Windeseile die Räume erobern. „Nicht allein sein in der großen, weiten Welt“, tönen sie wie die Beach Boys. Zwischendurch haben sie ja auch Einzelausstellungen, bei Saatchi in London oder Sies und Höke in Düsseldorf. Aber Kraft tanken sie eben im HobbypopMuseum.

Dann gibt es Malerei pur, Performance, Skulptur, Fotografie und Video. Ironisch, lustvoll, hintergründig, läppisch und banal. Zuweilen auch als großes Tafelbild. Sophie von Hellermann, die Erfolgreichste der Sechserbande, organisierte einst als Asta-Vorsitzende stürmische Akademiefeste und agierte jahrelang als DJ an Underground-Theken. Sie hat ein Reservoir an Bildern im Kopf und ein ungeheures Wissen in allen Disziplinen, ein Erbe ihres Vaters, eines berühmten Kernphysikers. Doch wenn die Freunde rufen, kommt sie aus London gejettet, wo sie mit ihrer Familie und ihren Lebensmittelpunkt hat.

Geradezu überwältigend ist die Kunst von „deckkraft“, wie sich das Duo Walter Eul und Marc von Criegern nennt. Die Meisterschüler von Fritz Schwegler trafen sich erstmals 2012 „spaßeshalber“, wie sie betonen, in den Muskatorwerken im Hafen, und zelebrieren seitdem ein Abenteuer, an dem auch weitere Künstler teilnehmen können. Sie produzieren als Duo wandfüllende Gemälde, so dass sich der Betrachter darin verlieren kann. „Natürlich ist alles bereits gemalt worden, also holen wir einfach alles ins Bild hinein“, sagen sie. Der Schauwert ihrer Werke ist enorm.

Und der Mehrwert? „Wir fangen einfach an und reagieren aufeinander.“ Es ist ein Spiel fernab vom Trott. Ein zufälliges, zuweilen auch chaotisches Geben und Nehmen. Ein ständiges Hinzu-Addieren und Auslöschen. Ein ungemein vielschichtiges Endergebnis. Gearbeitet wird mit verschieden breiten Pinseln, mit Rakeln, Schwämmen, Scheren, Schablonen und Spritzpistolen. Zuweilen gibt es einen Aufschrei, wenn der Partner das Vorhandene zerstört. Die Komposition entsteht aus dem Prozess heraus, das Ende ist offen.

Interaktion ist eine Befreiung, ein Aufbrechen herkömmlicher Formen. Es ist ein Ausflug aus dem Job. denn Marc ist auch Philosophielehrer, Walter Eul war eine Zeit lang Software-Entwickler. In der Ko-Produktion gehen sie etappenweise vor. Walter Eul erklärt: „Die ersten Schritte machen wir zusammen. Für die Figuren ist jedoch eher Marc zuständig, für die Raumgerüste bin ich es. Wir arbeiten aber immer zeitgleich.“ Als Perfektionisten haben sie beim Malen immer zwei Kameras dabei, um zu zeigen, wie es funktioniert, wenn jeder seine Autorschaft aufgibt und nicht mehr alleiniger Herr der Produktion ist. Das heißt aber auch: Jeder ist und bleibt Partner des gemeinsamen Werks.

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