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Tonhalle: Gedanken zum Finale von Ádám Fischers Mahler-Zyklus

Tonhalle : Gedanken zum Finale von Ádám Fischers Mahler-Zyklus

Beim kommenden Sternzeichen beschließt die „Sechste“ die bemerkenswerte Reihe in der Tonhalle.

Was hat es eigentlich mit diesem Mahler-Zyklus von Ádám Fischer auf sich, der nun beim kommenden Sternzeichen-Zyklus zu Ende geht? Für diejenigen, die Gustav Mahlers Musik kennen, vielleicht schon öfters eine Sinfonie von ihm live von einem guten Orchester gespielt erlebt haben, ist der Zauber um die Musik des 1911 verstorbenen Dirigenten und Komponisten kein Geheimnis mehr. Mahlers symphonische Musik lässt niemanden kalt – entweder lassen wir uns leidenschaftlich in die so persönlich gefügte Klangwelt Mahlers hineinziehen oder, und dies gibt es auch, wir wenden uns ab, weil es zu viel orchestraler Schaum ist.

Sinfonien Mahlers wirken wie autobiografische Porträts

So oder so, die Faszination von Mahlers Musik liegt – gerade aus heutiger Perspektive – in dem, wie der Komponist aus unterschiedlichsten Einflüssen und Inspirationsquellen eine ganz persönliche Tonsprache erschaffen hat, die die Regeln seiner Zeit bis ins Gigantische dehnte und zugleich mit anrührender spätromantischer Suggestivkraft Seelenlandschaften zeichnete, die im Kern wie autobiografische Porträts wirken. Porträts eines Menschen der Jahrhundertwende.

Für diejenigen, die Mahlers Musik noch nicht kennen, hilft vielleicht ein Hinweis: Der spätromantische Klang, die Vielfalt im Ausdruck und die meisterhafte Instrumentation sind dem, was wir von  „klassischem“ Hollywood-Sound kennen, gar nicht so unähnlich. Jedoch liegt in diesem Vergleich eine problematische Zugrichtung –  auch wenn er immer wieder herangezogen wird. Denn es wäre so, als würden wir jemandem das Schloss Neuschwanstein beschreiben und dafür die Disney-Variante heranziehen.

So abwegig ist dieser Vergleich nicht. Man muss ihm nur konsequent folgen. Denn die Musik Mahlers ähnelt in mancher Hinsicht Neuschwanstein. So wie das Schloss eklektisch unzählige Stile miteinander mischt und sich zu eigen macht, um ein gigantisches neues Werk zu schaffen, so hat dies auch Mahler in seiner Musik getan. Dort klingen Kindheitserinnerungen spezieller Art an, Militärmusik aus der böhmischen Heimat weht herüber, Berg-Idylle mit Kuhglocken, Zitate aus Folklore und immer wieder fließen Bruchstücke aus den Werken ein, die er als einer der berühmtesten Dirigenten und Operndirektoren seiner Zeit tagtäglich am Pult leitete.

Bei alledem ist Mahlers Musik ganz und gar aus und in dem Geiste der Wiener Tradition erwachsen. Und hier kommt Ádám Fischer ins Spiel, der „Principal Conductor“ der Düsseldorfer Symphoniker, der sämtliche Mahler-Sinfonien mit jeweils einem Werk Joseph Haydns paarte und in der Tonhalle aufführte. Mit Mahlers „Sechster“, seinem wohl aufwühlendsten und im klassischen Sinne „symphonischsten“ Werk geht der Zyklus zu Ende. Fischer, der dies immer wieder betonte, wird auch diesmal einen Mahler präsentieren, dessen musikalische DNA viel „klassischer“ ist, als es manche wahrhaben wollen. Dies zeichnete seine tiefschürfenden Interpretationen aus – die nicht umsonst mit Preisen dekoriert wurden.

Düsseldorf darf sich glücklich schätzen, Fischers Mahler in Gänze erlebt haben zu dürfen. Einen Mahler, der fein wie über die Haut gleitende Seide flüsternd liebkosen kann, ein Mahler, der präzise ist wie ein tüchtig gefügtes Uhrwerk aus der Jahrhundertwende, ein Mahler, der düster ist, wie ein Jugendstilgebäude bei Nacht und auch schrill sein kann, wie ein bunter Tag im Wurstelprater.

Und dennoch stand und wird auch am Sternzeichen-Wochenende eines über allem stehen: Eine Spielkultur, die Fischer aus den Symphonikern herausgelockt hat und die vielleicht nur optimistischere Beobachter unseres Düsseldorfer Orchesters so erwartet hätten. Eine Spielkultur, die vor allem bei Mahler eines unter Beweis stellte und gewiss auch bei der „Sechsten“ stellen wird: Es braucht für Mahlers großartige Musik ein beseeltes Hineintauchen und Herausformen – aber keine Übertreibungen, es braucht keine wilde Heruminterpretiererei an der so sorgsam aufgeschriebenen Partitur.

Fischer hat vor allem auch durch die Paarung mit Haydn Mahlers Musik ein bisschen weniger „exzentrisch“ gemacht, hat seinen Urton herausgeschält. Ein Kern, der bei Mahlers Wiederentdeckung für das Repertoire seit den 1960er-Jahren ein bisschen durch subjektive Färbungen von Dirigenten, die ihn gewiss sehr liebten, aber sich zu sehr zu eigen machten (wie der Dirigent Mahler das selbst bei anderen Komposnisten machte), überdeckt wurde.

Am Freitag, 28. Februar, Sonntag, 1. und Montag, 2. März, erklingt vor  Mahlers Sinfonie Nr. 6 Haydns Sinfonie Nr. 49 „La Passione“. Es gibt noch wenige Karten. Auf CD  kann man den Zyklus sukzessive nachhören.

tonhalle.de