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Für Miri bedeutet Cosplay Flucht aus dem Alltag

Für Miri bedeutet Cosplay Flucht aus dem Alltag

Der Roman von Renate Kaiser beschäftigt sich mit dem japanischen Verkleidungstrend.

Düsseldorf. Martina Peters kennt das Gefühl, am Rande der Gesellschaft — oder zumindest der Peer-Gruppe — zu stehen. So, wie viele andere Cosplayer auch. „Die meisten Menschen stempeln dich als Freak ab, wenn du Cosplayer bist“, sagt Peters. Die 27-Jährige war nach eigenen Angaben zu „hundert Prozent in die Szene involviert“, habe sich von 2004 bis 2008 intensiv mit der japanischen Popkultur beschäftigt. Aus Zeitgründen geht das heute nicht mehr, jetzt bebildert die Düsseldorferin Neuerscheinungen der Manga-Sparte des Carlsen-Verlags. Zuletzt den Jugendroman „Miri maßgeschneidert - Cosplay, Jeans und Rüschenträume“ der Neusser Autorin Renate Kaiser. Ein Buch, dessen Handlung in Düsseldorf spielt und den Konflikt zwischen Mainstream und der Cosplay-Szene exemplarisch nacherzählt. Ein Buch, dem etwas mehr Mut gut zu Gesicht gestanden hätte.

Miriam Schaller ist 15 Jahre alt und hat ihren eigenen Kopf. Von Shopping, Statussymbolen und wochenendlichen Partyexzessen hält sie wenig, stattdessen gilt ihre Leidenschaft dem Cosplay. Eben diese Leidenschaft muss sie vor ihren Eltern jedoch geheim halten, denn die hätten dafür sicher kein Verständnis. Warum? Richtig klar wird es nicht. Oberste Priorität im Hause Schaller hat die Schule. „Natürlich ist der Konflikt zugespitzt, ich wollte polarisieren“, sagt die Autorin selbst. Dennoch: Der tiefe Graben zwischen Miri und ihren abgehobenen Eltern wirkt zuweilen konstruiert. Zumal er sich gegen Ende des Buchs wie von selbst in Wohlgefallen auflöst — einzig durch ein klärendes Gespräch zwischen Miris Eltern und ihrer Unterstützerin, der benachbarten Rentnerin Frau Weiherfeld.

Vorurteile sind offenbar der einzige Grund für die ablehnende Haltung. Peters: „Viele Eltern lassen sich nicht von den positiven Seiten des Cosplays überzeugen.“ Dabei sind diese vielfältig, das macht der Roman anschaulich: Cosplayer lassen sich am Wochenende nicht volllaufen, Statussymbole sind ihnen unwichtig und die Arbeit an ihren Kostümen schult Kreativität sowie handwerkliches Geschick. „Ich habe nur gute Erfahrungen mit Cosplayern gemacht. Sie waren mir gegenüber stets freundlich“, sagt Kaiser selbst.

Diese Szene-Zeichnung wird angereichert durch das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Miri und ihren Eltern, die stete Arbeit am Kostüm für die Frankfurt-Convention und jede Menge Kaffees mit der besten Freundin im Starbucks an der Shadow-Straße. Hier offenbart sich ein Konflikt, der sich durch das gesamte Buch zieht. Kaiser muss sich in die Welt einer 15-Jährigen versetzen, die ihr Glück in einer Randgruppe sucht. Fraglich, ob so jemand bei jeder Gelegenheit die überzogenen Preise der Kaffeeröster-Kette zahlt. Ebenso deutlich wird dieser Konflikt im Jargon, dessen Kaiser sich bedient. Die gesamte Handlung wird aus Miris Sicht geschildert, deshalb nutzt Kaiser Internet- und Jugendsprache. An einigen Stellen wirkt das etwas bemüht, kommt der Zielgruppe — etwa Zwölf- bis 14-Jährige — aber wohl entgegen, entspricht schließlich ihrer Lebenswelt: „lol“ steht als Akronym für „laughing out loud“ („lautes Lachen“) und Smileys drücken Emotionen aus.

Auch das Romanende entspricht den Vorstellungen der Zielgruppe — und laut Kaiser auch denen des Verlags: Miri lebt im Internat, hat dort einen bunten Cosplay-Freundeskreis gefunden und die Eltern zeigen sich nach dem Gespräch mit Frau Weiherfeld plötzlich aufgeschlossen gegenüber dem Hobby ihrer Tochter. Etwas klarere Kante hätte dem Roman gutgetan.