Frontalangriff auf das Familienglück

Frontalangriff auf das Familienglück

„Zorn“ ist ein modernes Stück über eine nie erzählte Geschichte, die böse endet. Jetzt hatte die Inszenierung Premiere. Sie brauchte Anlauf, um zu wirken.

Düsseldorf. Joe kann es nicht gewesen sein. Er darf es nicht gewesen sein. Alice und Patrick Harper wollen nicht glauben, dass ihr 16 Jahre alter Junge eine Moschee mit fremdenfeindlichen Graffiti besprüht hat. Joe ist in einem Haus groß geworden, in dem Toleranz propagiert und in dem gedacht wird. Die Mutter ist Hirnforscherin und soeben mit einem Preis ausgezeichnet worden, der Vater schreibt Romane. Abgehoben sind sie aber deswegen nicht, das ist ihnen ganz wichtig. Kokett nutzen sie Fäkalsprache, um bei allem Gebildetsein und beruflichen Erfolg nicht bürgerlich zu wirken. Hier ein „scheiß drauf“, dort ein „gefickt“ — das kann erden, meinen Alice und Patrick. Und trotzdem: Joe war’s. Er hat die Moschee beschmiert, weil er glaubt, dass alle Moslems fanatische Islamisten sind. „Mir war danach“, sagt er, als ihn die Eltern zur Rede stellen. Die Mutter schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht. Die Tat ihres Sohnes bedroht den häuslichen Glanz, bedroht die Sicherheit der Familie.

Das Stück „Zorn“ stammt von der Australierin Joanna Murray-Smith, die deutsche Erstaufführung fand Anfang September in Hamburg statt. Die Dramatikerin spürt der Leidenschaft nach, die Kinder antreibt, wenn sie beginnen, sich von der Welt ihrer Eltern abzugrenzen. Sie markiert den Punkt, an welchem unschuldiges Vorwärtsschreiten in zornigen Regelbruch mündet, der alles Verlässliche mit sich reißt.

Die Gemengelage, die Regisseur Tobias Materna in der Düsseldorfer Inszenierung präsentiert, ist nicht überraschend: Sohn aus wohlsituiertem Zuhause, null vernachlässigt, ist dabei, in den Rechtsextremismus abzudriften. Jeder Tatort mit sozialkritischem Anstrich könnte das Thema aufgreifen.

Ein besserwissender Lehrer in braunem Feincordsakko erzählt den Harpers von Joes Tat. In jener Nacht war er mit seinem Freund Trevor unterwegs. Dessen Eltern, einfache Leute, pflegen munter Vorurteile gegenüber Muslime und sind dabei kein bisschen unsympathisch. Mittendrin Journalistin Rebecca, die Alice Harper porträtieren will und Unschönes aus deren Vergangenheit ausgräbt.

Genügend Sprengstoff also für eine packende Inszenierung, die jedoch erst nach einer Stunde in Fahrt kommt. Alice und Patrick sprechen schon nicht mehr über Joe, als sie beginnen, über Aufrichtigkeit zu streiten. Sie quälen einander mit Verletzungen, die in den Tiefen ihres 29 Jahre währenden Beisammenseins schlummerten und werfen sich gegenseitig zum Fraß vor. Es ist der Moment, in dem das gesellschaftliche Phänomen zum Drama wird — mit all seinen psychologischen Verästelungen. Eine tieftraurige Entwicklung, die berührt. Auch dank einer brillanten Franziska Walser in der Rolle der Mutter. Walser ist mit Schauspieler Edgar Selge verheiratet und Tochter von Schriftsteller Martin Walser.

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