Fotokünstler Thomas Ruff rettet das alte Zeitungsbild

Fotokünstler Thomas Ruff rettet das alte Zeitungsbild

Der Star der Kunstszene, Thoams Ruff, hat sich Pressefotos und Negative aus dem Zeitalter der analogen Bilder zu eigen gemacht. Der Fotokünstler erzählt, wie er das macht.

Düsseldorf. Massenweise alte Pressefotos, die im digitalen Zeitalter ausgedient haben, tauchen auf Auktionen immer wieder auf. Thomas Ruff, einer der wichtigsten und erfolgreichsten Fotokünstler der Welt, sammelt sie seit Studententagen in einem schier unermesslichen Archiv. Er geht dabei auf Spurensuche, stellt immer wieder neue Fragen an die Fotografie, ihre Geschichte und ihre Technik. Soeben eröffnete er eine Ausstellung in der Galerie Konrad Fischer mit Beispielen aus den Serien „Zeitungsfotos“, „press ++“ und „Negative“. Wir trafen ihn in seinem Düsseldorfer Atelier.

Foto: Ruff/dpa

Herr Ruff, was versprechen Sie sich von alten Zeitungsbildern, auf denen Politgrößen von einst, aber auch der junge Trump auftauchten?

Foto: Ruff/dpa

Ruff: Der Zeitungsfotograf versucht, ein gutes Bild zu machen, aber der Redakteur schneidet es zurecht, damit das Format in den Text passt. Er beschneidet das Bild nicht aus künstlerischer Absicht, sondern aus rein redaktionellen Gründen. Dadurch, finde ich, werden die Bilder teils verstümmelt. Ich fand sie interessant, habe aber dummerweise nur die Bilder aufgehoben und den Text weggeschmissen. Als ich nach zehn Jahren die Kiste aufmachte, ist mir klargeworden, dass die Fotos ohne Kontext ihren Informationsgehalt verlieren.

In der Regel funktioniert das Pressebild nur im Zusammenhang mit dem Text. Und nun?

Ruff: Ich meinte, ich müsste diese Bilder retten. Deshalb habe ich die schlecht behandelten Fotos in Passepartouts eingebettet und mit einem Holzrahmen versehen. Außerdem habe ich die Seitenlänge verdoppelt, damit das Druckraster besser sichtbar ist, so dass deutlich wird, dass es sich um ein gedrucktes Zeitungsbild handelt.

Ihre Fragen an die Bilder?

Ruff: Wie viel Informationsgehalt hat ein Bild ohne Text. Wenn Breschnew oder Nixon auftauchen, müssen es die 70er oder 80er Jahre sein. Aber es gibt wirklich Bilder, wo ich keine Ahnung habe, worum es genau ging. Man gibt die Bilder dann der Assoziation preis.

Seit 2016 widmen Sie sich erneut den Massenmedien. Dabei überladen Sie jedoch die Bilder mit Informationen, indem Sie die Vorder- und Rückseite der gefundenen Aufnahmen überblenden. Was hat es mit den Fotos der Serie „press++“ auf sich?

Ruff: Ich mache Doppelbelichtungen von Vorder- und Rückseite und zeige so das Schicksal des Fotos durch permanente Eingriffe.

Eine geistige Missachtung des Bildes?

Ruff: Es geht um die Gebrauchsfotografie, die zum Teil in unserer Gesellschaft ziemlich schlecht behandelt wurde. Das Informationsmittel ist vielen Manipulationen ausgeliefert. Es wird schon vorn auf den Bildern rumgemalt, Konturen nachgezeichnet, Ausschnittsmarkierungen ziemlich brutal aufgemalt. Und hintendrauf sind dann Eingangsstempel, teilweise der gedruckte Presseausschnitt und Kritzeleien vom Redakteur zu sehen, wie breit oder hoch das Bild gedruckt werden soll. Aber indem ich die zusätzliche Information von der Rückseite vorn mit aufs Bild bringe, zerstört diese Information von hinten das Bild.

Warum machen Sie das?

Ruff: Ich sehe mich in der Tradition der deutschen Fotomontage der 20er Jahre von Schwitters, aber auch von Man Ray und Moholy-Nagy, wo quasi über die Fotomontage eine absurde Situation hergestellt wurde.

Geht es um das Schicksal der Journalistenaufnahmen?

Ruff: Was mich interessiert, ist die Technik und Geschichte der Fotografie.

Ich wundere mich, wie Sie immer wieder neue Fragen an die Fotografie stellen. Welcher Forschungsgeist steckt dahinter?

Ruff: Es ist Neugierde. Wenn ich etwas Komisches sehe, versuche ich herauszukriegen, was es bedeutet.

Das Negativ bezeichnet ja ein analog belichtetes und entwickeltes Bild, das im Vergleich zum Originalmotiv seitenverkehrt ist und eine genau entgegengesetzte Farbgebung aufweist. Was interessiert Sie an dieser alten Methode?

Ruff: Ich ging von der Überlegung aus, dass es nur noch die digitale Fotografie gibt. Damit ist das Negativ verschwunden. Wenn ich meine Töchter frage, was ein Negativ ist, sagen sie: „Keine Ahnung.“ Sie haben neuerdings noch nicht einmal mehr eine Digitalkamera, sondern fotografieren meistens mit dem Handy. Ich habe bestimmt 20, 30 Jahre mit dem Negativ gearbeitet, aber ich habe es immer nur als Master für das Positiv betrachtet. Also, ich hatte nie die Muße, ein Negativ anzugucken. Und jetzt, wo es keine Negative mehr gibt, finde ich, die Zeit ist reif, sich einmal ein Negativ anzuschauen.

Ihr Ausgangspunkt?

Ruff: Es sind in der Regel alte, analoge 19. Jahrhundert-Abzüge, die ich scanne und invertiere. Die Dateien drucke ich dann auf Farbpapier aus.

Invertieren heißt, die Farben austauschen?

Ruff: Ja, Zyan ist die invertierte Farbe der alten Sepia-Aufnahme. Also, ich habe aus einem Positiv ein Negativ gemacht.

Was vorher dunkel war, ist nun hell. Ihr neues Negativ gewinnt eine andere Tiefenschärfe. Manche Konturen scheinen stark herausgearbeitet zu sein. Ändert sich auch die Komposition?

Ruff: Ja, sie verdreht sich eben komplett. Aber das ist schwieriger zu erkennen.

Was folgt nach der Ausstellung in der Galerie Fischer?

Ruff: Ich werde über das Goethe-Institut eine Ausstellung in Teheran haben, im Museum of Contemporary Art. Danach mache ich noch eine kleinere Einzelausstellung im Victoria and Albert Museum in London, eine Projektarbeit mit den Museumsbeständen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung