Ferdinand von Schirachs "Gott" zeitgleich in Düsseldorf und Berlin

Theater : Ferdinand von Schirachs neues Stück: Zeitgleich in Düsseldorf und Berlin

Das neue Theaterwerk „Gott“ des schreibenden Strafverteidigers wird 2020 simultan im Schauspiel und am Berliner Ensemble uraufgeführt.

Eigentlich ist Ferdinand von Schirach Strafverteidiger. Vor gut zehn Jahren veröffentlichte er seinen ersten Kurzgeschichtenband „Verbrechen“. Eine kometenhafte Literaten-Karriere begann. Er verfasst nicht nur Kurzgeschichten, sondern auch Essays, Romane und Theaterstücke. Heute rangiert er in der Liga internationaler Bestseller-Autoren. Seine Bücher verkaufen sich millionenfach, sie erschienen bislang in 40 Ländern. Seine literarischen Stoffe entlehnt Schirach meistens seinen Erlebnissen als Strafverteidiger. Er schildert reale Fälle. Mit knappen Sätzen. Mit kühler Sprache. Ohne Pathos, ohne Parteinahme. Durch diese distanzierte Schreibweise entfalten Schirachs Schilderungen erst recht ihre Wirkung. Immer interessiert den schreibenden Juristen, wie ein Mensch zum Verbrecher werden kann, durch welche tragischen Verstrickungen er Schuld auf sich lädt.

Damit folgt von Schirach einem ästhetischen Programm, das bereits Friedrich Schiller im ausgehenden 18. Jahrhundert für sich beanspruchte. In seiner Erzählung „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ erzählt er – basierend auf einer wahren Geschichte – wie der „Sonnenwirt“ Christian Wolf durch die Verkettung unglücklicher Umstände zum Mörder wird. Schiller schilderte den Fall sachlich und kühl, nur so glaubte er seine aufklärerischen Impulse verwirklichen zu können. Dem Dichter ging es darum, psychologische Motive und soziale Ursachen für Verbrechen zu untersuchen sowie Gefängnisreformen anzustoßen – seinerzeit war die Todesstrafe noch gang und gäbe.

Schirachs nüchterner literarischer Blick in menschliche Abgründe scheint die Menschen zu faszinieren. Und macht ihn auch zu einem gern gesehenen Gast am Düsseldorfer Schauspielhaus. Sein Gerichtsdrama „Terror“ avancierte im Central  zum Kassenschlager. Im vergangenen Dezember begrüßte das Haus an der Worringerstraße die weltweit 500 000ste Zuschauerin. Das Stück über einen Bundeswehr-Kampfjet-Piloten, der sich ohne Befehl dazu entschließt, ein von Terroristen entführtes Flugzeug abzuschießen, um damit 70 000 Menschen in einem Fußballstadion das Leben zu retten, ist interaktiv angelegt. Die Zuschauer werden selber zu Richtern, die über den Fall entscheiden.

Letztes Jahr las Ferdinand von Schirach in der Spielstätte am Gründgens-Platz aus seinem Erzählband „Strafe“, im Mai wird er am selben Ort sein neues Buch „Kaffee und Zigaretten“ vorstellen. Und nun der der Coup einer zeitgleichen Uraufführung seines neuen Stücks „Gott“. Am 25. April 2020 werden das Düsseldorfer Schauspiel unter der Regie von Robert Gerloff und das Berliner Ensemble unter der Leitung von Oliver Reese das zweite Theaterwerk des Star-Autors uraufführen. Es dreht sich um einen Menschen, der sein Leben selbstbestimmt beenden möchte. Damit verhandelt Ferdinand von Schirach eine der brennendsten Fragen unserer Zeit: Gibt es einen guten Tod? Hat der Mensch das Recht, selbst über sein Ende zu bestimmen? Ein vor dem biologischen Tod herbeigewünschtes oder herbeigeführtes Ende gilt für die meisten Menschen immer noch als Tabubruch. Doch indem sich die Suizid- und Sterbehilfe-Debatte vornehmlich auf den Tod konzentriert, geraten lebensleitende Fragen aus dem Blick: Wie gehen wir mit der eigenen Endlichkeit um? Können wir uns mit dem Tod versöhnen? Von Schirachs zweites Theaterexperiment scheint erneut vielversprechend zu werden. Und das Schauspiel Düsseldorf festigt damit seinen Ruf als bedeutendes deutsches Theaterhaus.

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