Audiowalk: Erlebnisspiel: Spionage-Mission führt durchs Museum

Audiowalk : Erlebnisspiel: Spionage-Mission führt durchs Museum

Ein Erlebnisspiel mit Erkenntnisgewinn inszeniert Rimini Protokoll mittels Audiowalk. Es geht um Geheimdienste in der Demokratie.

Düsseldorf. Helgard Kim Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel sind Rimini Protokoll. Als Autoren- und Regiekollektiv inszenieren sie ungewöhnliche Theatererlebnisse. Zurzeit gibt es von ihnen „Gesellschaftsmodell Großbaustelle“ im Central zu sehen. Im Museum Kunstpalast gastiert nun der erste Teil ihrer Staat-Tetralogie.

Foto: dpa

Frau Haug, Sie haben Ihr Theaterprojekt Staat 1 für die Glyptothek in München konzipiert. Wie passt „Top Secret International“ ins Museum Kunstpalast?

Helgard Haug: Es war von Anfang an klar, dass wir mit dem Stück reisen und es ortsspezifisch weiterentwickeln würden. Der Ort und die Exponate habe eine enorme Wichtigkeit. Im Museum Kunstpalast haben wir es mit Exponaten aus der ständigen Sammlung sowie mit den Gemälden aus der Cranach-Sonderausstellung zu tun.

Wie funktioniert das?

Haug: Der Besucher erhält am Eingang ein Notizbuch und Kopfhörer. In dem Buch versteckt sich ein Gerät und mit Hilfe eines recht komplizierten Programms, das wir extra für dieses Projekt entwickelt haben, können wir den Besucher orten und seine Bewegungen tracken. Die O-Töne und Geschichten, die ihm zugespielt werden, sind mit den Exponaten verbunden und verwickeln den Besucher immer wieder in bestimmte Fragen. Je nachdem wie dieser antwortet, bekommt er andere Audio-Tracks zugespielt und erlebt eine andere Tour.

Nennen Sie ein Beispiel?

Haug: In Düsseldorf fängt die Tour zwischen Madonnen und sakraler Kunst an. Der Judas-Kuss, zum Beispiel, als ein erster fataler Verrat, ist ein Motiv, das wir an den Anfang stellen. Das Übermitteln von Wissen und Geheimnissen, um sich einen eignen Vorteil zu erarbeiten, das ist ein ganz ursprünglich menschliches Motiv.

Warum Spionage im Museum?

Haug: Das Museum ist ein konspirativer Ort. Unsere Besucher unterscheiden sich kaum von den anderen — auch diese sind mit einem Audioguide ausgestattet. Unmerklich und unsichtbar beschäftigt man sich mit was völlig anderem.

Wie wichtig ist Ihnen, dass die Besucher mitspielen?

Haug: Das ist der eigentliche Reiz des Stückes. Wir verhandeln Themen, wie diese nicht von oben herab, sondern bringen unterschiedliche, auch sich widersprechende Positionen ins Spiel. Der Zuschauer ist sehr aktiv mit eingebunden, entscheidet aber für sich selbst, inwieweit er sich exponiert. Ein gläserner Übergang verbindet die ständige Sammlung mit dem anderen Gebäudeteil. Von hier aus lässt sich beobachten, was sich im Hof abspielt. Wenn man dann selbst im Hof ankommt, weiß man um diesem Blick.

Wozu dient das?

Haug: Das bringt eine spielerische Komponente rein, es ist nicht nur Information, sondern Erlebnis und Erkenntnis.

Die Form ermöglicht Mitbestimmung.

Haug: Genau. Wir wollten kein Stück entwickeln, dem man nur gegenüber sitzt. Es interessiert uns, die Besucher in ein Spiel einzubinden, sich Zettel zuzustecken und immer wieder die Beobachtung zu schärfen. Ich denke, man kann die Frage, die wir stellen, nicht so von sich weghalten. Jeder von uns trägt mit dem Smartphone eine kleine „Spyware“ freiwillig in der Tasche.

Sind Sie bei Ihren Recherchen wachsamer oder paranoid geworden?

Haug: Paranoid ist ja krankhaft, das bin ich sicher nicht geworden. Man kann aber gar nicht realistisch genug sein. Alles, was wir ungeschützt online machen, ist abhörbar, abbildbar und nachvollziehbar. Diese Informationen können gegen einen verwendet werden.

Was bedeutet das für Sie?

Haug: Eigentlich schließen sich Demokratie und Geheimdienst aus. Wir haben eine gläserne Kuppel auf den Reichstag gesetzt, weil es um Transparenz geht. Man will den gewählten Vertretern der Bürger auf die Finger schauen. Das ist der bildhafte Anspruch. Unweit vom Parlamentsgebäude ist das BND-Gebäude entstanden, ein martialischer Bau. Ich weiß nicht, was darin passiert. Lässt sich der Geheimdienst überhaupt kontrollieren?

Mit der Tetralogie Staat 1 bis 4 untersuchen Sie Phänomene der Postdemokratie. Liegt die Demokratie hinter uns?

Haug: Wir untersuchen, wo und wie andere Kräfte, neben den demokratisch legitimierten, aktiv und mächtig geworden sind und inwieweit viele Menschen abgerückt sind in ihrem Glauben an die Demokratie.

Staat 2 haben Sie für das Düsseldorfer Schauspielhaus entwickelt. Wie hängen die Folgen zusammen?

Haug: Für uns ist ganz neu, dass wir vier Stücke in einer Serie über zwei Jahre hinweg konzipieren können. Verschiedene Formate, die in Beziehung zueinander stehen. In Düsseldorf hat uns das Thema Lobbyismus und Bauen interessiert, in München der Geheimdienst, da der BND bislang um die Ecke in Pullach beheimatet war.

Was sind Ihre Themen für Dresden und Zürich?

Haug: In Dresden geht es um die Frage, wie sich Kräfte im Internet von demokratischen Anordnungen ablösen. In Zürich um das Weltwirtschaftsforum von Davos, das die Privatinitiative von einem Menschen war — der den Anspruch formuliert mit der wirtschaftlichen Elite, also wiederum abseitig von gewählten Vertretern, die Welt verändern zu wollen.

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