Eine Zeitreise für besonders Ausdauernde

Performance : Eine Zeitreise von über drei Stunden für Ausdauernde

„Zeit/Temps“ von Billinger und Schulz feierte Premiere im FFT.

Manchmal vergeht die Zeit wie im Fluge, dann hingegen scheint sie erstarrt, bleiern. Eine Banalität, die mehr über unsere Wahrnehmung aussagt als über die wirkliche Eigenschaft der Zeit, die eigentlich erst nur durch uns selbst spürbar wird. In der neuesten Performance von Verena Billinger und Sebastian Schulz (Billinger und Schulz) „Zeit / Temps“ dreht sich alles auf den verschiedensten Ebenen um just diese so „sonderbare“ Zeit.

Bewegungslos – wie durch eine Zeitmaschine aus dem 18. Jahrhundert in unsere Zeit transportiert – stehen sie da. Wie atmende, lebendige Wachsfiguren, sanfte Bewegungen, getragen von einer nahezu morbiden Eleganz, folgen, ein Menuett wird getanzt, es kommt zu sanften Berührungen, Blicke, Posen. Alles ganz langsam, still. Langsamkeit, sich Zeit lassen, zulassen, dass Zeit sich in die tiefsten Tiefen der Wahrnehmung hineinbohrt – unerträglich in seiner Präsenz – und dessen Bruch ist das verbindende Moment dieser nicht nur in ihrer Dauer überwältigenden Arbeit; immerhin dauert die Performance ganze 210 Minuten. Gefüllt mit neun Darstellern, die nicht minder Durchhaltevermögen brauchen wie das Publikum, das sich in dem relativ nackten Raum des FFT Juta – nur versehen mit treppenartigen Erhöhungen – frei bewegen durfte, ob nun sitzen, stehen, kommen und gehen. Genauso wie die Figuren dieses Werkes; gekleidet in jeweils zu der Zeit passenden durchaus opulent gestalteten Kostümen.

 Grundidee ist eine auf vier „Zeiten“ oder „Epochen“ aufgeteilte Reise. Nach dem Rokoko des Anfangs, einer Zwischenstation im Biedermeier oder vielleicht später – das ist schwer zu sagen – landen wir in den 70er Jahren, schließlich in der erbarmungslos dargestellten Techno-Ekstase der 90er Jahre. Dazwischen liegen lange ausgedehnte Phasen von Stille, sowohl wörtlich als auch geistig. Am Ende ein nicht enden wollendes Picknick, bei dem immer wieder ein „Rheinländer“ getanzt wird. Hierbei tragen die Performer übrigens jeweils landesübliche „Tracht“.

Billinger und Schulz gelingt gerade durch ihre konsequente Radikalität letztendlich eine Studie über unsere eigene Wahrnehmung.

Weitere Aufführung am Samstag (19 Uhr, FFT Juta, Kasernenstraße 6).

fft-duesseldorf.de

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