Neue Musik: Ein schönes Geburtstagsständchen mit gerissener Saite

Neue Musik : Ein schönes Geburtstagsständchen mit gerissener Saite

Notabu gratulierte Oskar Gottlieb Blarr zum 85. mit Musik von ihm und Berio. Dabei wurde es auch sehr virtuos.

Berio und Blarr, zwei zeitgenössische Komponisten, die nur recht wenig miteinander gemeinsam zu haben scheinen, außer, dass sie beide mit „B“ beginnen und fünf Buchstaben in ihrem Nachnamen tragen. Gewiss, solche Wortspielereien sind rein zufällig. Dennoch ist es ein schöner Zufall.

Weniger zufällig ist, dass Mark-Andreas Schlingensiepen bei der Auswahl für das jüngste „Na hör´n Sie mal“-Konzert in der Tonhalle just auf Werke dieser beiden Komponisten zurückgegriffen hat. Komponist Oskar Gottlieb Blarr – ehemaliger Kirchenmusiker an der Neanderkirche – feiert dieses Jahr seinen 85. Geburtstag und die Werke von Berio sind für das Notabu-Ensemble, das wiederum dieses Jahr 35 Jahre alt wird, eine Herzensangelegenheit. So kam es also zu dieser reizvollen musikalischen Paarung aus klanglichen Welten, die wenngleich sie zwar beide Vertreter „Neuer Musik“ sind, doch andere Sprachen sprechend schon alleine vom Klangeindruck unterschiedlich auf den Hörer wirken. Ganz offenkundig ist diese Divergenz erkennbar zwischen Berios „Sequenza VI“ für Viola Solo aus dem Jahr 1967 und dem im Programm darauf folgenden Stück „Wandersteine“ von Blarr.

Zunächst ein Blick auf die Sequenza, die derart viel mentalen und körperlichen Einsatz von dem Interpreten fordert, dass es auch mal zu Missgeschicken kommen kann. Wobei hier nicht menschliches Versagen die Ursache war, sondern Materialermüdung. Kurz vor Ende dieser zehnminütigen Klangorgie aus tollwütigen Tremoli – schnelle Tonwiederholungen –, gerne auf mehreren Seiten, und fast schon banal wirkenden Ruhepolen, riss eine Saite der Viola, die an die spieltechnischen Grenzen gebracht wird. Umso frappierender wirken die wenigen melodischen Fragmente, die Berio in diese Flut einarbeitete. Beachtlich, dass Bram Bossier, der tapfere Solist, sich nicht nehmen ließ, das gesamte Werk nochmals bis zum Ende zu spielen, nachdem eine neue Saite aufgezogen war. Blarrs dreiteiliger Liederzyklus für – wirklich sehr hohe – Stimme (gesungen von Sabine Schneider), Altsaxofon (Frank Timpe), Harfe und Schlagzeug (Felix Stachelhaus) nach Gedichten von Jiri Grusa, wirkte dagegen fast schon wie eine „romantische“ Insel. Doch Blarrs Musik, ist sie nun nicht wirklich romantisch, hat auch ohne den Kontrast zu Berio viel melodische Innigkeit. Sie spielt mit harmonischen Räumen, die berühren, den Hörer bisweilen in Erinnerungen schwelgen lassen, um schließlich Bögen in beredte Klanglinien voller Energie zu kreieren. Diese umspielen sich in mäandernden Sphären, Assoziationen zur Natur, vielleicht sogar Blarrs Kindheit als Sohn eines Schmieds mit Steeldrums zulassen.

Berios „Sequenza V“ für Posaune strahlt eine ganz eigene Mischung aus Melancholie und Humor aus. Interpretiert durch Andreas Roth, ist dieses, mit theatralischen Elementen, versehene Werk eine Hommage an den Clown Grock. Auch hier werden die Möglichkeiten der Stimmerzeugung spielfreudig ausgereizt. Ob Surren, Summen, Grummeln oder Seufzen.

In gewisser Weise geseufzt wurde auch in Blarrs „Gestrichen und geklopft“, das eigentlich nur im Kontext der Texte und Bilder funktionieren soll, die den in Ostpreußen geborenen Komponisten inspirierten. Diese mussten hier lediglich im Geiste der Zuhörer entstehen, doch bei dem beseelten Spiel von Dorothée Matthe, Cello, und Salome Amend, Schlagzeug,  durfte dies bei den meisten Zuhörern so geschehen sein. Wie umschmeichelnd „Neue  Musik“ für Cello und Marimba doch sein kann, wenn Klänge sich zu ästhetisch ansprechend gefügten Tableaus wandeln. Blarr weiß, wie er Stimmungen mit einfachen aber effektiven Mitteln erzeugt.

In Berios „Chemins II“, dem Werk des Abends mit größter Besetzung, zitiert der Komponist die Solostimme aus „Sequenza VI“ und fügt sie in einen Klangteppich für Ensemble. Ein eindrucksvoller Abend für Freunde zeitgenössischer Musik.

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