Düsseldorfer Symphoniker von ihrer besten Seite

Tonhalle : Symphoniker von ihrer besten Seite

Wir erklären, wieso das zweite Sternzeichenkonzert so überragend war und jeweils welche Musik Dirigent David Reiland, das Orchester und den Chor des Musikvereins so beflügelte.

Die zweite Sinfonie von Robert Schumann, in C-Dur – übrigens eine bemerkenswerte Tonart, die viel enigmatischer ist, als ihre Vorzeichenlosigkeit vermuten lässt – scheint ohne Filter direkt aus der Seelenwelt des Komponisten herausgeflossen zu sein.

Sie ist ein Werk, das zugleich all das auf so zauberhafte Weise vereint, was Schumanns Musik ausmacht; wenngleich wie immer bei den schönen blumigen Gedanken, die die Nachwelt sich zu Musik und Schöpfer macht, man sich doch etwas hüten muss, nicht allzu viel in die Geschichte, die Noten und den Geist einer Schöpfung hineinzuinterpretieren. Doch bei der Zweiten liegt es offen: Hier finden wir den zerrissenen, von Dämonen geplagten, Schumann; Schumann, das kühne Genie, das sich auf die höchsten Höhen seiner Erfindungsgabe hinaufschwingt, Schumann, den lyrischen, sanften, Schumann, den manischen Reiter auf dem Vulkan, Schumann, den gebildeten Kenner seiner musikalischen Ahnen und nicht zuletzt einen Komponisten, der viel besser mit der großen Form umzugehen, viel besser zu instrumentieren vermag, als so mancher Musikzergliederer heutiger Zeit seinem Publikum wissen machen möchte.

Bei dem zweiten Sternzeichen dieser Saison haben wir just all dies in einer musikalischen Qualität erleben dürfen, die erneut beweist, welch Schatz wir bisweilen auf der Bühne der Tonhalle sitzen haben. Die Düsseldorfer Symphoniker vermögen durchaus bis in die feinsten Ecken von Partituren hineinzuschleichen, können wunderbar kultiviert phrasieren, beim Gestalten von klanglichen Linien Lebendigkeit und Stringenz mit Leichtigkeit und Emphase mischen.

Nur man muss sie dazu auffordern, sie entsprechend lenken und ihnen die richtigen gestischen, mimischen, ja psychologischen Signale mit auf den Weg geben. Wenn man sie nur mit großförmigen Bewegungen anfeuert, dann wird es auch dick – schön gespielt und leidenschaftlich, aber etwas vollschlank. Wenn man mit feinster Musikalität, da wo es nötig ist, als Dirigent die kleinsten Phasern der Musik herauszieht, immer bedacht ist auf eine intuitiv lesbare Gestik und immer wieder das Orchester daran erinnert, wie fein und sensibel, wie präzise und ausgeformt sie spielen müssen und können, dann vermögen die Düsseldorfer Symphoniker Sternstunden auf das Podium zu bringen.

David Reiland ist gemeinsam mit dem Orchester, das ihm mit sichtlicher Freude durch alle Passagen der Schumannschen Sinfonie folgte, genauso ein Abend gelungen. Tempi, die einfach fraglos zu stimmen scheinen, weder die inneren Kräfte noch das Orchester überdehnen, zugleich nichts übereilen, treffsicher gesetzte Akzente, melodisch lebendige Klangbausteine, die sich zu einem ausgewogenen Gesamtklang fügen, eine Balance, die auch von einer nicht auf die Kosten von Energie gehenden Zurücknahme des Volumens geht, das sind Zutaten, die diesen Schumann so unvergesslich machen.

Doch dieser wirklich gelungene Abend, der durch eine ungewöhnliche Programmzusammenstellung überraschte, bot dem Publikum nicht nur Schumann. Vor der Pause ließ man Kontraste aufeinandertreffen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Eine Serenade für 10 Bläser, Cello und Kontrabass – also haarscharf an der Grenze zur Kammermusik und der obligaten Dirigentenlosigkeit – und ein spätromantisches Chorwerk mit der ganzen Palette an jugendstilhafter Freude am schön schaurigem Seelenkitzel.

Dvořáks Serenade d-Moll op. 44 bot den Bläsern der Düsys reichlich Gelegenheit, mit ihrer Wandlungsfähigkeit zu glänzen. Mal mutet diese Musik fast antiquiert und fast ein bisschen altväterlich betulich an; im nächsten Moment zeigt der Böhme sein Talent eindringlich mitziehende Stimmungen in Ton zu setzen. Insbesondere der dritte Satz vermochte einem zu einem Schweifenlassen der Gedanken inspirieren.

Dies sind jene Momente in Konzerten, die als Schlüssel dienen können zu einem für den musikalischen „Empfang“ geöffnetes Herz, eine auf Stimmung schwingende Seele. In diesem Satz orientiert sich Dvořák ganz explizit an Mozart, vermag aus wenigen motivischen Gesten einen fein geschliffenen Kristall zu formen, der heraussticht. Ließ sich vielleicht seinerzeit auch ein gewisser Herr Gustav Mahler von diesen Tönen inspirieren? – eine Vermutung und Beiprodukt jenes Schweifen-lassens.

In Zemlinskys op. 24 „13. Psalm“ für Chor und Orchester sind wir mit großer Klage konfrontiert. Ein flehendes Hinaufbäumen zu Gott, was der österreichische Komponist 1935 in vor düsterer Farbigkeit schäumende Töne goss. Reiland erwies sich auch hier als ein vor Musik durchdrungener Lenker, der den Städtischen Musikverein von mystischem Piano bis gewaltigem Forte mit großer Aufmerksamkeit durch die Partitur lotsend, mit dem Orchester als Ganzes ein überzeugendes Erlebnis schuf. Der Chor diesmal einstudiert von Dennis Hansel-Dinar fühlt sich in den epischen Breiten sichtlich wohl. Dieses Fluidum steckt an.

Eine große Empfehlung für alle, die einen musikalischen Abend auf sich wirken lassen möchten, der drei so unterschiedliche Klangsphären zueinandergesellt.

Montagabend gibt es das Sternzeichen in der Tonhalle (Ehrenhof) nochmal ab 20 Uhr zu erleben. Karten und weitere Informationen online.

tonhalle.de

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