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Kultur: Düsseldorfer sucht das Unwort des Jahres

Kultur : Düsseldorfer sucht das Unwort des Jahres

Uni-Dozent Kersten Roth ist Mitglied der Jury für das Unwort des Jahres. Über „Lügenpresse“ wurde sechseinhalb Stunden diskutiert.

Düsseldorf. Kersten Roth hat eine Weile überlegen müssen, bis er sich entschied, Mitglied in der Jury zu werden, die das Unwort des Jahres wählt. Sprachwissenschaftler mögen es nicht, wenn ihre sachliche Betrachtungsweise eine moralische Umgebung erhält. Der Privatdozent der Heinrich-Heine-Universität jedoch beschloss, dass er es gut verkraften würde, einmal im Jahr den sensiblen Umgang mit Sprache öffentlich wertzuschätzen.

WZ: Herr Roth, Ihr Blick auf die Sprache dürfte in der Regel kritisch sein. Gibt es auch Wörter, die Sie schön finden?

Kersten Roth: „Schön“ oder „hässlich“ sind keine Kategorien, mit der wir in der Sprachwissenschaft etwas anfangen können. Das gilt auch für die Unwort-Aktion. Es kommt vor, dass jemand beispielsweise „geil“ vorschlägt, weil er das Wort nicht schön findet. Einen solchen Vorschlag müssen wir aussortieren, weil er unseren Kriterien nicht entspricht.

Und wenn Sie Ihr Ordnungsprinzip ausnahmsweise einmal ein wenig öffnen?

Roth (lacht): Es gibt gute Worte. „Grundgesetz“ als Bezeichnung für unsere Verfassung ist ein „schönes“, klares Wort.

Wie wurden Sie Mitglied in der Unwort-Jury?

Roth: Auf Einladung von Nina Janich. Sie ist die Sprecherin der Jury und Professorin für germanistische Linguistik an der TU Darmstadt.

Als Unwort-Fahnder sind Sie doch sicher ständig in Alarmbereitschaft. Ich stelle mir Sie und Ihre Kollegen wie Sprachstaubsauger vor. . .

Roth: Sprachstaubsauger sind wir nicht, eher Detektoren, die versuchen, problematische Begriffe zu erkennen. Aber in erster Linie setzen wir ja auf das kritische Sprachbewusstsein der Sprecher selbst. Deren Vorschläge, nicht unsere, werden diskutiert. Sie bilden die Grundlage für die jeweilige Unwort-Wahl.

Sprache erschafft Realität. Vor diesem Hintergrund ist gerade in der Politik der Wortgebrauch enorm wichtig. Woran erkennen Sie, ob ein Politiker das, was er sagt, ehrlich meint?

Roth: Es steckt immer etwas „Wahres“ hinter einer politischen Aussage, ein bestimmtes politisches Interesse nämlich. Darum, dieses zu beschreiben, geht es mehr als darum, schlicht „Lügen“ aufzudecken.

Das ist ja ein recht sanfter Umgang mit Täuschungsmanövern.

Roth: Aus linguistischer Sicht steht nicht die Unterstellung von Täuschungsmanövern bei der Betrachtung politischen Sprachgebrauchs im Vordergrund. Es geht nicht darum, niedere Motive eines Politikers aufzudecken — auch wenn es die natürlich auch gibt. Wir wollen aber vor allen Dingen auf Probleme des öffentlichen Sprachgebrauchs aufmerksam machen, die sich beim legitimen Ringen um gesellschaftliche und politische Positionen ergeben können.

Aber Sie bewegen sich doch in moralischer Umgebung, wenn Sie das Unwort auswählen.

Roth: Das ist richtig. Die Kriterien, die für uns als Jurymitglieder zählen, sind: Verletzung der Menschenwürde, Diskriminierung gesellschaftlicher Gruppen, Verstoß gegen das Demokratie-Prinzip oder euphemistische beziehungsweise verschleiernde Ausdrucksweisen. Damit legen wir unserer Entscheidung ethisch-moralische Prinzipien zugrunde und keine linguistischen. Man kann die Aktion aus rein linguistischer Sicht also durchaus kritisch sehen.

Warum?

Roth: Weil sich eben unser Urteil nur zum Teil auf unsere linguistische Expertise stützt. Zum anderen Teil ist sie eine Stellungnahme zur öffentlichen Diskussion, die einfach auf allgemeinen Grundwerten unserer Gesellschaft basiert, aber nicht aus unserer Wissenschaft heraus begründbar ist. Das behaupten wir allerdings auch ausdrücklich nicht. Deshalb sind neben den vier Sprachwissenschaftlern ja immer auch ein Journalist als festes Jury-Mitglied und ein wechselnder Gast aus Politik, Presse oder Gesellschaft dabei.

Hinter einem Unwort stecken oft ausgefuchste Polit-Strategen. Nervt Sie das?

Roth: Nein. Das ist eine professionelle Tätigkeit. Warum sollte mich das nerven? Dass politische Streitigkeiten öffentlich sprachlich ausgetragen werden, ist zunächst das Kernprinzip der Demokratie. Erst wenn sich ein Wort, das gegen die vorhin genannten Prinzipien verstößt, in den alltäglichen Sprachgebrauch einschleicht und vielleicht sogar von den Medien unkritisch übernommen wird, kann es in die engere Wahl kommen. Übrigens stammen die meisten der Unworte gar nicht aus der Politik, sondern beispielsweise aus den Medien selbst oder anderen gesellschaftlichen Bereichen. Denken Sie etwa an „Dönermorde“ oder „Sozialtourismus“.

Reden wir über das Unwort 2014 — „Lügenpresse“. . .

Roth: Das war — wie immer — das Ergebnis einer langen Diskussion, weil wir nach dem Einstimmigkeitsprinzip arbeiten. In diesem Fall haben wir sechseinhalb Stunden lang diskutiert. Bei dem Ausdruck „Lügenpresse“ war unsere Überzeugung, dass viele, die ihn benutzen und auf Transparenten vor sich hertragen, die Strategie dahinter nicht erkennen, die eine kleine politisch extreme Gruppe durchzusetzen versucht. Nämlich unter Verwendung eines historisch stark vorbelasteten Ausdrucks Medien pauschal zu diffamieren, weil sich die Mehrheit ihrer Vertreter bemüht, der gezielt geschürten Angst vor einer vermeintlichen „Islamisierung des Abendlandes“ eine sachliche Darstellung entgegenzusetzen. Eine solche pauschale Verurteilung verhindert gerade die für die Demokratie so wichtige fundierte Medienkritik.

Verstehen Sie sich als Aufklärer?

Roth: Das würde mir zu weit gehen. Sicher liegt unserer Aktion ein aufklärerischer Impuls zugrunde. Uns geht es um einen Beitrag zu einer sprachkritischen Diskussion, wir wollen nicht eine schlafende Bevölkerung wachrütteln. Das ist gar nicht nötig. Es gibt ein Sprachbewusstsein bei den Menschen. Sonst kämen keine Einsendungen mehr. Und wenn das der Fall wäre, würden wir unsere Aktion einstellen.

Die Linguistik ist anscheinend eine leidenschaftslose Disziplin — verspüren Sie denn nie den Drang, die Sprache mit Haut und Haaren zu verteidigen?

Roth: Die Sprache ist nicht in Gefahr, und sie muss auch nicht verteidigt werden. Schon gar nicht von uns Linguisten. Die Sprachwissenschaft ist eine deskriptive Wissenschaft. Es gibt zunächst einmal keine gute oder schlechte Sprachentwicklung. Im Zusammenhang mit den Anglizismen oder der angeblich so im Ausdruck eingeschränkten Jugendsprache von „Sprachverfall“ zu sprechen, ist aus linguistischer Sicht nicht haltbar. Es gibt ja durchaus andere Gruppen von Sprachexperten, denen ein leidenschaftliches Verhältnis zur Sprache viel eher zusteht: Schriftsteller und Journalisten zum Beispiel, vielleicht auch Lehrer. Aber: Bedroht ist unsere Sprache als solche sicher nicht.

Tippen Sie bei der Wahl zum Unwort auch privat mit?

Roth: Nein, wir erhalten, was die Einsendungen angeht, regelmäßig einen Zwischenstand. Deswegen kommt es gar nicht erst zu einem persönlichen Tipp. Aber ich bin sicher, wenn ich versuchte, das jeweilige Unwort des Jahres ohne diese Informationen zu erraten, käme ich nicht auf das, was eingeschickt wird. Tatsächlich sind die sprachinteressierten „Laien“, die sich an der Aktion beteiligen, da ganz hervorragende „Detektoren“.