Rheinoper-Sopranistin Sylvia Hamvasi Eine Stimme für Mozart

Düsseldorf · Rund 70 Partien hat die Sopranistin Sylvia Hamvasi in ihren 22 Jahren an der Rheinoper einstudiert. Jetzt freut sie sich auf die Wiederaufnahme von Poulencs „Dialogues des Carmélites“.

 Sylvia Hamvasi als Katja im Jahr 2022 in „Katja Kabanowa“.

Sylvia Hamvasi als Katja im Jahr 2022 in „Katja Kabanowa“.

Foto: Sandra Then-Friedrich

Was hat sie nicht schon alles gesungen in ihren 22 Jahren an der Rheinoper. Von den herrlichsten Mozart-Partien über tragische Heldinnen wie Mimi in Puccinis „La Bohème“ oder Lucia di Lammermoor von Donizetti – bis hin zu Elsa von Brabant in Wagners „Lohengrin“. Sie habe wohl um die 70 Partien einstudiert, sagt Sylvia Hamvasi. Und immer wieder ist eine Figur dabei, die sie mit besonderer Leidenschaft auf die Bühne bringt. Wie jetzt bei der Wiederaufnahme von „Dialogues des Carmélites“.

Die Oper von Francis Poulenc hatte in der Inszenierung von Guy Joosten im Oktober 2010 in Düsseldorf Premiere, wurde in der Spielzeit 2012/13 erneut gezeigt und kehrt nun zurück. Schon damals war die gebürtige Ungarin als Blanche de la Force dabei. Das hochdramatische Werk in drei Akten und zwölf Bildern wurde 1957 in der Mailänder Scala uraufgeführt. Die Handlung stützt sich auf die Erzählung „Die Letzte am Schafott“, die Gertrud von Le Fort 1930/31 veröffentlichte. Die Dichterin wiederum griff darin eine wahre Begebenheit aus der Französischen Revolution auf: 16 Nonnen starben am 17. Juli 1794 als Märtyrerinnen unter der Guillotine. „Eine nach der anderen tritt ihren Weg zum Schafott an und singt das ‚Salve Regina’“, sagt Hamvasi.

Eine Gouvernante soll auf zwei Waisenkinder aufpassen

Die Aristokratin Blanche ist das Rückgrat der Geschichte. Sie tritt ins Kloster ein, weil sie durch ein frühgeburtliches Trauma von Ängsten heimgesucht wird. „Die laute Welt erscheint ihr unerträglich, im geschützten Raum des Konvents sucht sie Geborgenheit und Heilung“, beschreibt die Sopranistin: „Das Stück ist gewaltig, ein unglaublich reichhaltiger Stoff, der eine ganze Epoche umfasst. Das Thema Sterben und Tod zieht sich durch alle Szenen.“

Sie sei dankbar, Poulenc singen zu dürfen: „Ich mag die Technik, mit der er seine Musik komponiert. Die Pausen bekommen ein solches Gewicht, dass sie mitunter fast wichtiger sind als die Gespräche der Karmeliterinnen. Diese hinzugefügte Stille passt gut zu deren klösterlichen Verpflichtungen: zu schweigen und zu beten.“

Tiefenpsychologische Figuren wie Blanche liegen ihr. „Ich verkörpere sie nicht nur, ich gehe durch ihre Zustände“, sagt sie. Stark ausgeprägt war das auch bei der Titelpartie in „Louise“ von Marc-Antoine Charpentier unter der Regie von Christof Loy. Auch sie wurde von Ängsten geplagt und trat die Flucht an. Ähnlichkeiten sieht Hamvasi außerdem bei Benjamin Brittens „Turn of the Screw“: Eine Gouvernante soll in einem Landhaus auf zwei Waisenkinder aufpassen und fürchtet sich vor einer Schattengestalt.

Ab besten eigne sich ihre Stimme für Mozart, sagt Hamvasi, „davon wünsche ich mir mehr“. Und was ist mit Wagner? „Elsa singen zu dürfen, war ein riesiges Geschenk“, antwortet sie, „nur besitze ich keine explizite Wagner-Stimme. Zu manchen Rollen passt sie, aber ich muss achtsam sein. Bei seinen Opern braucht man Kondition und Reserven, alle Anstrengungen verdoppeln sich.“

Reihen sich neue Farben in ihr Spektrum ein, freut sich die Sopranistin. So wie jetzt auf die jazzige Operette „Märchen im Grand-Hotel“ von Paul Abraham. Im Mai ist Premiere in Duisburg. „Ich werde die Infantin Isabella mit einer ganz neuen Leichtigkeit singen, spielen und vielleicht auch tanzen“, schwärmt sie: „Danach habe ich mich immer schon gesehnt.“

Hamvasi wollte Pianistin werden, bevor sie sich dem klassischen Liedgut zuwandte. Nach dem Studium an der Ferenc-Liszt-Akademie in Budapest trat sie als Solistin mit Bach-Kantaten, Händel-Oratorien und Barockmusik auf. Warum rückte dann die Oper stärker in ihren Fokus? „Das hat sich so ergeben, und darüber bin ich glücklich“, sagt sie. „In der Oper steigen wir tief in die Figuren ein. Mit Schauspielerei können wir viel mehr weitergeben.“ Ihr Debüt an der Ungarischen Staatsoper mit Gilda in „Rigoletto“ und Pamina in der „Zauberflöte“ war so erfolgreich, dass sie sich nach anderen Häusern umschaute.

Zu einem Vorsingen in Düsseldorf wurde Hamvasi nicht eingeladen, man habe genügend Sopranistinnen, hieß es. Bis es in der Produktion von „Carmina Burana“ einen Krankheitsfall gab. Dirigent Zoltan Peszko erinnerte sich an Hamvasi, er hatte sie in diesem Werk in Budapest gesehen. Sofort stieg sie ins Flugzeug und sprang ein. Worauf ihr der damalige Intendant Tobias Richter umgehend „Rigoletto“ anbot.

So wurde Düsseldorf zu ihrer neuen Heimat. Hamvasis Tochter ist 21 und studiert Jura, ihr früherer Mann, der Countertenor Péter Bárány, kehrte irgendwann nach Ungarn zurück. Sie aber blieb und hielt dem Haus die Treue. Es habe durchaus Offerten gegeben in den folgenden Jahren, berichtet sie: „Aber ich war immer zufrieden mit den Aufgaben, die ich hier hatte. Dass es keine Weltkarriere wurde, stört mich nicht. Bis heute fühle ich mich an der Rheinoper gut aufgehoben. Wir haben ein wunderbares Ensemble, als seien wir eine Familie.“ Auch die Zusammenarbeit bei „Dialogues des Carmélites“ sei fantastisch: „Ich hoffe, die Zuschauer mögen diese schlichte Inszenierung, die so viel Ruhe ausstrahlt.“

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