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Düsseldorfer Schauspielhaus: Henry VI. & Margaretha di Napoli - Der Kind-König und die verdammte Krone

Düsseldorfer Schauspielhaus : „Henry VI. & Margaretha di Napoli“ - Der Kind-König und die verdammte Krone

In seiner ersten Arbeit für das Düsseldorfer Schauspielhaus zeigt Regisseur David Bösch „Henry VI & Margaretha di Napoli“ nach Shakespeare. Das Publikum ist begeistert.

„Die verdammte Krone“, flucht Margaretha di Napoli – in den Händen hält sie den Leichnam ihres Babys. Die Königin von England ist stärker als der Kind-König Heinrich VI., mit dem sie vermählt wurde. Aber sie gibt auf – nach drei nervenaufreibenden Stunden von Liebes- und Lebens-Schlachten, die für die meisten Beteiligten tödlich enden – auch für Heinrich. Das Stück „Henry VI. & Margaretha di Napoli“ nach William Shakespeare von Tom Lanoye feierte am Samstag Premiere im Düsseldorfer Schauspielhaus.

Es werden Intrigen der Macht gesponnen. Nur Heinrich VI. erscheint in dieser verrotteten Welt wie ein unschuldiges Kind. Er rutscht in Bermudashorts und Strümpfen auf den Knien – und spielt mit Rotkäppchen-Mütze den Mann, der gerade von Tante Leonore, Onkel Glocester und dem intriganten Bischof Winchester gekrönt wurde.

Einerseits Kindskopf, andererseits Aufklärer und Humanist, der vergeblich versucht, tödliche Machtspiele durch Frieden zu ersetzen – so zumindest stellt Tom Lanoye die historische Figur Heinrich VI. dar, dessen Schwäche einst den berühmten „Rosenkrieg“ zwischen den Häusern Lancaster und York entfachte. Und dem Shakespeare eines seiner Königsdramen widmete. Er tat das ausufernd, in drei Teilen mit jeweils fünf Akten voller undurchschaubarer Verstrickungen: Sie gelten bis heute als unaufführbar.

Der belgische Autor Lanoye (bekannt durch das legendäre „Schlachten“-Theater-Projekt, das er von 20 Jahren mit Luk Perceval herausbrachte) verdichtet das monströse Werk zu einem packenden Theater-Abend. Zwar schimmert hier und da noch Shakespeare durch, aber überwiegend setzt Lanoye auf heutige schnoddrige, sexuell aufgeladene und ironisch überspitzte Sprache. Slapsticks und Satire inklusive. Dialoge werden angereichert mit derben Sprüchen und Vokabeln. So wird der breitbeinige Weiberheld Suffolk (als hitziger Macho: Sebastian Tessenow) – der Margaretha für seinen König auswählt, sie aber vor allem sexuell begehrt – von seinen Gegnern „Sir Fuck“ tituliert. Oder Bischof Winchester (Florian Lange) versprüht als Frauenfeind sein Macht-Gift mit übelsten Stammtisch-Witzchen.

Schwerter klirren, Köpfe rollen und Ränke werden geschmiedet

Theater- und Opernmacher David Bösch inszeniert Lanoyes Drama „Heinrich VI. & Margaretha di Napoli“ als spätmittelalterliches Ritterspiel, in dem literweise Theaterblut fließt, Schwerter klirren, Köpfe rollen und Ränke geschmiedet werden. Mit Sonja Beißwenger als berechnender Margaretha, die weibliche Reize gnadenlos für eiskalte Machtpolitik einsetzt.

Und mit André Kaczmar­czyk als naivem, unschuldigem, androgynem König, der bei der Jagd lieber Schnepfen und Vögel mit dem Fernglas beobachtet, statt sie zu abzuknallen. Meist versucht er – vereinsamt, von anderen heimlich verspottet und betrogen – die hitzigen Gemüter der kriegshungrigen Herzöge zu beschwichtigen, sie zum Verzicht auf französische Territorien zu bewegen. Wie ein moderner Philosoph wirkt er: ein Friedensfürst, der seiner Epoche weit voraus ist und überführte Täter(innen) ins Exil verbannen will, statt sie köpfen zu lassen.

Diese „verdammte Krone“, die sich Heinrich manchmal über Augen und Ohren zieht, schwebt die ganze Zeit – wie ein Fanal des Bösen – über den Figuren. Anfangs leuchtend, am Ende mit Blut beschmiert. Ganz vorne ein schwarzes Loch mit dem Grab des Vaters, vor dem er kniet. Am Rande ein Feldbett mit Bücher-Stapeln: Das suggestive Tableau (Ausstatter Patrick Bannwart) gleicht einer Mahnmal-Installation, in der sich die Darsteller in historisierten Kostümen (Falko Herold) bis aufs Messer bekämpfen und töten.

Fazit: Der erste Teil ist der stärkste. Wegen der guten Darsteller und opernhaften Duell-Duette. Und weil die Bezüge zwischen den historischen Personen klar werden. Nach der Pause indes mutiert Böschs Inszenierung in einen Blutrausch. Lieke Hoppe (zuvor als Johanna von Orléans) mimt den Buckel-Richard mit bluttriefendem Schwert wie eine rachsüchtige Höllentochter. Insgesamt eine Lehrstunde über grausames Spätmittelalter in England, mitunter auch ein ironisch-heiteres Theater-Erlebnis, das aber keine Sekunde langweilt.