Düsseldorfer Rhetorik-Tagung gegen Sprache des Zorns

FEUILLETÖNCHEN   : Für einen Dialog mit den „Abgehängten“

Seit Freitag tagen Germanisten, Sprecherzieher und Journalisten im Haus der Universität zum Thema „Kooperative Rhetorik in Theorie und Praxis“. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen die Sprache der Beleidigung, die rechtspopulistische Bewegungen wieder salonfähig gemacht haben.

Das Gegenkonzept, das die Sprach-Experten auf der Tagung in Vorträgen diskutieren und Workshops ausprobieren, basiert ganz auf dem Gegenteil: auf einer Sprache der Kooperation. Der Ideengeber ist der Sprechwissenschaftler und Theologe Elmar Bartsch (1929-2010). Es funktioniert wie folgt: Zwei Personen, die gegensätzlicher Meinung sind, setzen sich an einen Tisch und legen ihre Positionen dar. Der eine muss danach aber zusammenfassen, was der andere gesagt hat. Es kommt zum sogenannten Nick-Effekt: Der eine nickt innerlich die eigene Meinung ab, die aber der andere wiedergegeben hat. Erst danach darf der Kontrahent mit seinem Argument reagieren. Die Debattanten begegnen sich also höflich, hören einander zu, übernehmen die Perspektive des Anderen und signalisieren ihm, dass sie verstanden haben, was dieser gesagt hat.

Das mag zunächst zu sehr nach Sonntagspredigt klingen, zu idealistisch, zu wirklichkeitsfern. Und ja, Elmar Bartsch war von Hause aus Theologe und hat sich zu seinem Konzept der kooperativen Rhetorik von Jesus inspirieren lassen. Vom Gottessohn, der den damaligen Randgruppen mit Respekt begegnet ist und sich mit ihnen auf Gespräche eingelassen hat: Dirnen, Aussätzige oder Zöllner. Doch Bartsch verknüpfte den  christlichen Ansatz in den 1970er Jahren mit Elementen der emanzipatorischen Pädagogik, etwa dem herrschaftsfreien Diskurs. Ihm ging es darum, das Gegenüber im Gespräch nicht als Gegner zu betrachten, sondern als Partner. Ein praxistaugliches Rhetorik-Konzept, das Bartsch Erfolg bescherte. Er schulte Politiker und Manager.

Und gerade diese kooperative Rhetorik könnte auch helfen, der brachialen Sprache von AfD oder Pegida entgegenzuwirken. Man müsste öffentliche Foren schaffen, um mit Sympathisanten der AfD oder Pegida-Anhängern in den Dialog zu kommen. Wenn der Gesprächspartner dann fordert „Wir werden die Islamisierung zurückdrängen und unser Vaterland und unsere Kultur verteidigen“, sollte das Gegenüber sich nicht von ihm abgrenzen und erwidern: „Du findest die AfD gut, du bist böse“. Das wäre kontraproduktiv, weil es den Konflikt nur verschärfen würde. Vielmehr müsste man den Andersdenkenden ernst nehmen und fragen, wie er zu seiner Meinung kommt. Angenommen, es handelt sich um einen 65-jährigen ehemaligen DDR-Bürger, könnte es sein, dass seine feindselige Haltung gegenüber der Zuwanderung aus anderen Kränkungen resultiert. Vielleicht fühlte er sich nach der Wende nicht wertgeschätzt, weil ihm erklärt wurde, dass alles, was er zuvor gedacht und gemacht hatte, falsch war. Vielleicht hat er auch seinen Beruf im wiedervereinten Deutschland nicht mehr ausüben können, weil es ihn einfach nicht mehr gab. Wenn man das Gegenüber also so weit bringt, seine Probleme zu schildern, wäre schon viel gewonnen. Vielleicht gelingt es dann nach und nach sogar, ihn mit sachlichen Argumenten davon zu überzeugen, jenseits von demokratiefeindlicher Sündenbock-Politik nach konstruktiveren Alternativen zu suchen. Etwa die Teilnahme an soziokulturellen Projekten, die Anerkennung und Wertschätzung bringen könnten.

Aber auch die Medienvertreter könnten von Bartsch noch viel lernen. Denn entgegen dem Ethos der Objektivität produzieren sie in Zeiten des Populismus Freund-Feind-Schemata: Der AfD-Anhänger ist schlecht. Statt aber mit Politikern oder Sozialwissenschaftlern darüber zu diskutieren, wie man denn dem Zorn der „Abgehängten“ begegnen könne, wäre es sinnvoll, Formate zu entwickeln, in denen Betroffene selbst eine Stimme erhalten. Oder sie gar in einen Dialog mit Geflüchteten bringen. Es wäre ein Journalismus, der sich nicht auf Konflikte fokussiert, sondern mit konstruktiven Vorschlägen zum Erhalt der Demokratie beiträgt.

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