Düsseldorfer Regisseur Jan Bonny über seinen neuen Film "Wintermärchen"

Interview : „Eine Gruppe, mit der man keine Zeit verbringen will“

Der Düsseldorfer Regisseur Jan Bonny hat einen schwer verdaulichen Film über ein gewalttätiges Trio gedreht. Mit Parallelen zum NSU. Die sind aber nicht zwingend beabsichtigt, sie zu sehen, überlässt er aber dem Zuschauer.

In seinem neuen Film „Wintermärchen“ mutet Jan Bonny dem Zuschauer einiges zu. Der Alltag des Trios Tommy, Becky und Maik ist geprägt von Sex und Gewalt. Wahllos töten sie Menschen mit Migrationshintergrund. Vergleiche mit dem NSU drängen sich auf. Ob diese berechtigt sind, erklärt der Düsseldorfer Regisseur im Gespräch mit unserer Zeitung.

Bei oberflächlicher Betrachtung von „Wintermärchen“ drängt sich der Gedanke an den NSU auf. Zufall oder Absicht?

Jan Bonny: Es ist kein Film, der versucht, den NSU zu erklären. Vielmehr ist es ein Beziehungsdrama zwischen drei fiktiven Figuren. Es geht mir darum, die Dynamik und Struktur einer solchen Gruppe zu zeigen. Daraus kann jeder eigene Schlüsse ziehen und Bezüge zum NSU oder ähnlichen Konstellationen herstellen.

Regisseur Jan Bonny aus Düsseldorf hat den Film „Wintermärchen“ gedreht. Foto: Jakob Beurle

Der Alltag der drei Protagonisten ist geprägt von Sex und vermeintlich grundloser Gewalt. Zeigen Sie die Banalität des Bösen, wie sie die Philosophin  Hannah Arendt formuliert hat?

Bonny: Es ist die Frage, ob sie tatsächlich grundlos handeln. Die Figuren haben durchaus ein narzisstisches Motiv. Da ist Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, nach dem Gesehenwerden. Untereinander ist die Verquickung von Sex und Gewalt in höchstem Maße banal und diese Banalität ist für mich das Gefährliche an diesen Charakteren. Ich möchte jetzt nicht so weit gehen und Hannah Arendt zitieren, aber so ganz falsch ist der Bezug zu ihrem Ansatz nicht.

Solange Tommi und Becky noch allein sind, wagen sie es nicht ihre Gewaltphantasien umzusetzen. Erst als Maik dazustößt, verändert sich die Dynamik und die Ideen werden zu Taten …

Bonny: Die Beziehungsgeschichte haben wir gewählt, um einen Zugang zu dieser Gruppe zu bekommen, mit der man eigentlich keine Zeit verbringen möchte. Denn wir mussten uns überlegen, wie wir an diese Figuren herangehen. Ein Beziehungsdrama ist das, was man in der Regel kennt. Über das Paar zu Beginn kommt man in die Geschichte hinein und geht mit den Dreien im Verlauf des Films an Orte, an die man eigentlich nicht gehen möchte.

Der Zuschauer ist hier der Beobachter, der sich fremdschämt, für die agierenden Charaktere und dafür, dass er ihnen zusieht …

Bonny: Interessant ist, dabei immer wieder mit der Frage konfrontiert zu sein, ob man weiterschaut oder nicht. Die allermeisten schauen bis zum Schluss.

Die wollen wissen, wie es ausgeht.

Bonny: Natürlich. Das ist ja auch gut so. Für mich als Filmemacher ist das wichtig. Das Kino lässt einen in der Regel ja mit dem Film alleine. Im besten Fall entstehen Fragen, die man nach dem Schauen selbst beantworten muss.

Der Filmtitel assoziiert einen Bezug zu Heinrich Heine. Ein Düsseldorfer, wie Sie.

Bonny: Einerseits denke ich dabei an Spott. Heine war auch ein Spötter. Andererseits sehe ich einen Bezug zum 2006 geprägten Begriff des Sommermärchens zur Fußball-WM. Meiner Meinung nach war der so genannte friedliche Patriotismus mit den Fahnenschwenkern mitunter gar nicht so harmlos. Ich finde, es lohnt sich durchaus, einmal darüber nachzudenken, welchen Geist man da aus der Flasche gelassen hat.

Sie stellen Ihren Film am Donnerstag im Bambi-Kino vor. Was wünschen Sie sich vom anschließenden Publikumsgespräch?

Bonny: Ein Publikumsgespräch kann jedes Mal anders sein. Jeder Saal reagiert anders. Mir ist klar, dass es ein Film ist, der einen großen körperlichen und auch seelischen Druck auslösen kann. Er macht etwas mit den Leuten. Ich finde es spannend, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und gemeinsam herauszufinden, was man da gerade gesehen hat.

Mehr von Westdeutsche Zeitung