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Düsseldorfer Journalist Peter Jamin erzählt Geschichten von Vermissten

Interview : Peter Jamin: Der Chronist der verschwundenen Menschen

Der Düsseldorfer Journalist erzählt in seinem Buch wahre Geschichten von Vermissten.

Wenn Kinder, Freunde oder Ehepartner plötzlich – manchmal für immer – verschwinden, bricht in den Familien Panik, manchmal Chaos aus. Von einem auf den anderen Tag wird für die Betroffenen das Leben auf den Kopf gestellt. Über ihre emotionalen Achterbahnfahrten, Erfahrungen mit Polizei und Ermittlungsbehörden und Beratungen hat Peter Jamin ein Buch geschrieben.

Dem Düsseldorfer Autor und Journalist – bundesweit einer der wichtigsten Vermissten-Experten – vereint in seinem bei Rowohlt erschienenen Werk „Ohne jede Spur – wahre Geschichten von vermissten Menschen“ eine Sammlung von bewegenden Familien- und Psychodramen. In knappen Kapiteln beschreibt er einzelne Schicksale, die dem Leser, ähnlich wie bei Kriminalgeschichten eines Ferdinand von Schirach, lange durch Kopf geistern und ans Gemüt gehen, zumindest nicht kalt lassen. Dennoch: Bei allem emotionalen Engagement verliert Peter Jamin, der manche Familien jahrelang betreut hat und bis heute berät, nie die analytische Distanz zu den Einzel-Schicksalen. Sein nüchtern sachlicher Stil verstärkt dabei noch die Wirkung auf den Leser. Unsere Zeitung sprach mit dem Autor.

In Ihrem neuen Buch geht es um Menschen, die plötzlich wie vom Erdboden verschluckt sind. Wie kommen Sie auf das Thema?

Jamin: Ich fand es an der Zeit, die eindrücklichsten Schicksale und Kriminalfälle, die ich persönlich kenne, in einem Buch zu veröffentlichen. Niemand kann sich vorstellen, was mit den Angehörigen passiert, wenn ein Mensch verschwindet. Ich weiß das aber nur zu gut, weil ich mich seit mehr als 25 Jahren mit dem Thema „Vermisste Menschen“ befasse. Damals veröffentlichte ich eine TV-Dokumentation (WDR und in der Wochenzeitung „Die Zeit“) und stieß auf großes Interesse. Erstmals berichteten Medien über die großen Probleme, die mit dem Verschwinden von Menschen für die Angehörigen verbunden sind. Ich gründete damals auch ein Vermisstentelefon; seitdem habe ich in mehr als 2000 Fällen Angehörige von Vermissten beraten.

Welche authentischen Fälle haben Sie persönlich am meisten schockiert?

Jamin: Besonders betroffen bin ich beim Verschwinden von Kindern und Jugendlichen. So schreibe ich in meinem Buch über eine Sechzehnjährige, die anderthalb Jahre von ihren Entführern eingekerkert und gefoltert wurde. Bei dem Gespräch später mit ihr habe ich sehr mitgelitten. Eine andere Geschichte handelt von einem 16-jährigen Mädchen, das sich im Internet in einen 20-jährigen Mann verliebt und über Nacht verschwindet. Erst durch die älteren Geschwister, die über spezielle Computer- und Internet-Kenntnisse verfügen, konnte die Jugendliche nach 14 Tagen wieder gefunden werden. Aus Sicht eines Polizisten beschreibe ich schließlich das Verschwinden einer 16-jährigen Tramperin, die später tot aufgefunden wird. Diese drei Schicksale erschüttern jeden Zuhörer, wie ich bei einer Lesung jüngst in der Kulturkneipe „Sassafras“ (Oberkassel) feststellen konnte.

Haben Sie noch Kontakt zu den „Opfern“, d.h. zu den plötzlich Verlassenen? Oder zu den Wiederaufgetauchten?

Jamin: In der Regel endet der Kontakt mit den Angehörigen nach der Beratung. Ich mache diese Beratung ehrenamtlich und muss mit meiner freien Zeit haushalten. Aber zu etlichen Angehörigen haben ich über Jahrzehnte weiterhin Kontakt. Beispielsweise mit der Mutter einer auf Ibiza verschwundenen 19-Jährigen. Sie wurde von Mädchenhändlern entführt und bis heute nicht gefunden. Ich schreibe in der Geschichte „Entführung auf Ibiza“ über das beispiellose Engagement der Mutter, die viele Jahre ohne Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit und bei Einsatz ihres ganzen Vermögens nach ihrem Kind sucht.

Wie sind Sie bei Ihrer Recherche vorgegangen?

Jamin: Das Wichtigste sind für mich persönlich vertrauensvolle Gespräche mit den Angehörigen oder heimgekehrten Vermissten. Nur durch die Schilderungen der direkten Betroffenheit kann ich bewegende Geschichten schreiben.

Welche Erfahrungen machten Sie mit den betroffenen Familien?

Jamin: Ich sehe hier ein Heer von Menschen, die dringend Hilfe – aktive Unterstützung und Beratung – benötigen und denen niemand hilft. Das Verschwinden eines Menschen löst bei vielen Angehörigen ein psychisches wie organisatorisches Chaos aus. Jedes Jahr werden bei der Polizei bundesweit rund 100 000 Menschen, allein in NRW 2018 mehr als 34 000 Personen als vermisst registriert. Davon sind etwa 500 000 nahe Angehörige und darüber hinaus Freunde und Arbeitskollegen betroffen. In der Regel macht die Polizei nicht mehr als eine Registrierung der Fälle in der Fahndungsdatei Inpol. Mehr kann die Polizei meist nicht leisten. Sie hat weder das Personal noch eine Ausbildung, um Sozialarbeit zu leisten. Ich fordere darum seit Jahren, dass es Beratung in den Sozialbehörden der Städte und Gemeinden und eine nationalen Vermisst-Website geben muss. Aber kein Politiker, keine Behörde kümmert sich darum.

An welchem Buchprojekt arbeiten Sie derzeit?

Jamin: Ich stelle gerade das Material für einen Folgeband meines Buches „Ohne jede Spur“ zusammen. Das Buch ist so erfolgreich, dass Rowohlt wenige Wochen nach dem Start die zweite Auflage gedruckt hat. Nun gibt es die Überlegung weitere Geschichten zu veröffentlichen. Bis zur Veröffentlichung wird es sicher mehr als ein Jahr dauern.

Peter Jamin: Ohne jede Spur – Wahre Geschichten von vermissten Menschen, 224 S., Rowohlt Verlag, 10 Euro, auch als E-Book erhältlich unter ISBN: 978-3-644-40546-2, mehr Infos im Netz unter:

www.ohnejedespur.de