Ausstellung in Düsseldorf Konzept-Kunst mit und ohne Zitrone

Düsseldorf · Stefan Wissel verwendet Alltagsgegenstände und liebt Anspielungen. Seine minimalistischen Arbeiten sind derzeit in der Galerie Van Horn zu sehen.

Das Werk „Les Temps des Citrons“ (2020) von Stefan Wissel besteht aus einer alten Uhr und vier vertrockneten Zitronen.

Das Werk „Les Temps des Citrons“ (2020) von Stefan Wissel besteht aus einer alten Uhr und vier vertrockneten Zitronen.

Foto: Johannes Bendzulla

Fernab von allen Moden und Trends betreibt Stefan Wissel eine introvertierte Kunst mit minimaler Ästhetik. Mit einer ausrangierten Schublade, einer erwärmten Schreibmaschine und einem Messingrohr für eine Tasse vom Trödelmarkt macht der Professor für Plastik auf sich aufmerksam. Er stellt derzeit bei Van Horn an der Ackerstraße in Düsseldorf aus.

Wer das schmale Büro der Galerie ansteuert, entdeckt über dem Kopf der Galerie-Managerin eine alte Kienzle-Uhr mit vier vertrockneten, braunen Zitronen obenauf. Ein gutes Beispiel für eine Arbeit, die zunächst gar keine Kunst war, sondern im Falle der Uhr ein alltägliches Erbstück. Eines Tages blieb diese Uhr stehen, die Zitronen wurden konserviert und leichtgewichtig. Nun überführt sie der Künstler unter dem elegischen Titel „Les Temps des Citrons“ in die Kunst und betont auch noch, für den Preis von vier Zitronen bekäme man sein Werk nicht zu kaufen.

Billiges Ding preist
sich als hohe Kunst

Spontan drängt sich der Vergleich zur Capri-Batterie von Joseph Beuys auf, deren Batterie alle 1000 Stunden ausgewechselt werden muss, auf dass der Stromkreislauf zwischen der Lampe und einer stets frischen Zitrone erhalten bleibt. ­­Wissels Uhr steht still, und die Zitronen sind nicht strahlend gelb, sondern erdig braun. Bei Stefan Wissel geht es eben lediglich um Objekte der Erinnerung.

Wissel nähert sich der plastischen Theorie von Beuys in einer analogen Olympia-Schreibmaschine mit dem wehmütigen Titel „Für den Brief, der nie gesendet wurde“. Sie steht auf einem pulverbeschichteten, stählernen Podest und fühlt sich warm an, sobald die Elektronik im Fundament angeschaltet ist.

Das erinnert an die „geistige Wärme“, mit der Beuys einst seinen Wunsch nach Veränderung durch Kreativität formulierte. Wissels Schreibmaschine wurde nie benutzt. Sie hat keinerlei Botschaft, sie ist sich selbst genug.

Wissel liebt private Bezüge, aber er gibt sie nicht preis. So bleibt nichts als das präzise, fast minimalistische Konzept, das trotz aller Verschlüsselungen auch komische Züge trägt. So erwarb er auf einem französischen Flohmarkt eine kleine Tasse mit der Aufschrift „Reserviert für den Gebrauch eines Supersportlers“. Aber seine Tante in Barcelona hatte ihm schon 2011 eine Tasse mit derselben roten Umrandung und Typografie geschenkt, die mit spanischem Aufdruck für eine „bewundernswerte Person“ bestimmt war. Nun baute er der Tasse ein vier Meter langes Messingrohr, das sich durch den Raum schlängelt und das Geschirr wie eine Devotionalie am Ende des Rohrs baumeln lässt. Das billige Ding preist sich als hohe Kunst. Und der Betrachter fragt sich, wen der Künstler damit auf die Schippe nehmen will.

Schließlich verglast er eine ausrangierte Schublade für Stifte und macht sie zu einem klassischen Bilderrahmen für einen alten Kleiderbügel aus gebogenem Rattanholz und für eine simple Bleistiftzeichnung einer vertrockneten Pflanze. Nur eine Serie von Ölpastellzeichnungen, die er „Ins dunkle Licht“ bezeichnet, versprüht in den abstrakten Szenen ein klein wenig farbige Schönheit. Vom Schlosser ließ er sich dafür eloxierte Aluminiumrahmen bauen. Insgesamt eine Kunst, die zwar Alltagsdinge benutzt, diese aber einfriert.

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