Düsseldorf: Regisseur Philip Gröning im Interview

Kino : „Gewalt kann man nicht immer psychologisch erklären“

INTERVIEW  In „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ erzählt Regisseur Philip Gröning von der Idylle eines Zwillings-Paars, die plötzlich in Gewalt umschlägt. Am Donnerstag feiert der Film im Atelier-Kino seine NRW-Premiere.

Der Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ von Philip Gröning handelt von den Zwillingsgeschwistern Robert und Elena. Sie begeben sich in eine süddeutsche Sommerlandschaft, um dort gemeinsam für Elenas Abitur-Prüfung in Philosophie zu lernen. Beide scheinen in einem idyllischen Kokon zu leben, der einzige Bezug zur menschlichen Zivilisation ist eine nahe gelegene Tankstelle. Doch sie werden sich bald trennen müssen und das Drama nimmt seinen Lauf. Der Film wurde auf der diesjährigen Berlinale kontrovers diskutiert. Am Donnerstag feiert er NRW-Premiere im Savoy-Kino. Wir sprachen mit Regisseur Philip Gröning über den Film.

Herr Gröning, wie kamen Sie auf den Titel zu Ihrem Film?

Philip Gröning:  Er steht als Zeichen dieser ganz engen Geschwisterbeziehung. Die Geschwister geben einander Zuschreibungen. Und es ist Elena, die überlegene Schwester, die sagt: Das ist mein Bruder Robert, der ist ein Idiot.

Robert und Elena haben ja eine enge Beziehung zueinander. Sie liegen zusammen im Gras, studieren philosophische Schriften, streicheln sich, provozieren und kabbeln sich. Die Geschwisterliebe scheint übersteigert. Was ist das für eine Beziehung?

Gröning: Ich glaube, dass der Mensch sein zeitliches Bewusstsein als Säugling entwickelt. Damit überbrückt er den katastrophalen Moment, wenn er von der Mutter verlassen wird. Bei Zwillingen ist das anders. Wenn sie von ihrer Mutter alleine gelassen werden, ist immer noch der andere da. Die beiden haben eine Zeitkugel, die anders ist als die von anderen Menschen.

Und sie zelebrieren ihre enge Beziehung in einer traumhaften Landschaft. Die Geschwister durchstreifen Kornfelder, baden im Waldsee oder fangen Grashüpfer. Sie führen ein Dasein, nach dem sich ja viele Menschen in unserer rasanten Welt sehnen: sich unbeschwert in die Natur zu begeben, ohne Zeitdruck, ohne Zweck. Geht es um diese Sehnsucht?

Gröning: Auch darum geht es. Der Film handelt auch von Martin Heideggers Zeitphilosophie. Heidegger sagt ja, das Sein kommt uns entgegen, im Sinne von: Diese ganze Welt ist ein Ort, wo Menschen sein können und perfekt hineinpassen, wo Glück möglich ist. Diese Schönheit ist wichtig für den Film, die Felder, die Alpen im Hintergrund, die schneebedeckten Berge. Also diese archetypischen Sehnsuchtspunkte, die Heimat.

Und doch müssen sich Robert und Elena allmählich von dieser idyllischen Zwillings-Welt verabschieden. Warum gelingt ihnen das nicht?

Gröning: Elena muss das Dorf verlassen. Robert muss bleiben, weil er zu viel trinkt und hängengeblieben ist. Sie müssen auch anfangen, ihre Liebe und Sexualität woanders hinzutun als in dieses Geschwisterpaar und das schaffen sie nicht. Die Schönheit, die sie zwischeneinander haben, ist so groß, dass sie es nicht schaffen, nach draußen gehen.

Das Geschwisterpaar zerstört seine Idylle schließlich. Es verstrickt sich in Gewalt, macht sich des Mordes schuldig. Ist die enge Zwillings-Beziehung mitverantwortlich dafür?

Gröning: Sicherlich. Die Zwillingspaar-Blase bedeutet, dass die Figuren der Außenwelt nur  Schachfiguren innerer Konflikte sind. Aber viel wichtiger ist, dass man Gewalt nicht immer psychologisch erklären kann. Gewalt ist wie etwas Fremdes in uns, das aber jeder Zeit plötzlich herausschießen kann. Und wenn ich diese Fremdheit der Gewalt genau psychologisch erklären könnte, hätte ich den Film nicht gemacht.

Nicht zuletzt dreht sich Ihr Film auch um Zeit. Robert und Elena etwa beschäftigen sich mit der Philosophie der Zeit. Auch Ihr Film lässt sich mit knapp drei Stunden viel Zeit. Brauchen Filmgeschichten gerade in unserem Hochgeschwindigkeitszeitalter mehr Zeit?

Gröning: Mir geht es im Kino nie um Geschichten, mir geht es um Erfahrung. Eine Geschichte, die am Ende abgeschlossen ist, geht den Zuschauer ja nichts mehr an. Ich möchte einen Erfahrungsraum aufmachen, der dem Zuschauer noch bleibt.

Info: Der Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ startet am Donnerstag, 19 Uhr, im Atelier, Graf-Adolf-Str. 47, Tickets: 11,50 Euro. Reservierung: 566 34 96. Weitere Filmvorführungen am 22.11. im Metropol.