Düsseldorf: Interview mit der Regisseurin Liesbeth Coltof

Schauspielhaus : Sophokles und Rapperchöre

Regisseurin Liesbeth Coltof inszeniert das Antikendrama Antigone. Am 9. November ist Premiere.

Eine zupackende Frau voller Energie, die weiß, was sie will. Und kann. So kommt Liesbeth Coltof rüber, auch im WZ-Gespräch. Kein Wunder, denn die niederländische Schauspielerin und Regisseurin genießt international einen glänzenden Ruf und hat auch mit Mitte 60 noch einen prall gefüllten Terminkalender. Dortmund, Bochum, Dresden und Düsseldorf, aber auch Philadelphia/USA und Kapstadt/Südafrika stehen auf ihrem Plan für die nächsten Monate. Als entschlossene Macherin befreite sie und ihre Amsterdamer Gruppe „Toneelmakerij“ — vor rund 30 Jahren — Kinder- und Jugendtheater vom Nimbus des altbackenen Märchenzaubers. Die vielsprachige Frau, die ihr Leben und die vielen Reisen zu genießen scheint, versteht nicht nur die Sprache der Kinder, sondern nimmt Letztere beim Wort und ernst.

So wurden ihre modernen Arbeiten, die Probleme unserer Zeit spiegeln, mehrfach ausgezeichnet — zuletzt 2016 mit dem Theaterpreis ‚Der Faust’ für ihre Düsseldorfer Regie des Flüchtlingsstücks „Der Junge mit dem Koffer“. Derzeit probt sie wieder im Jungen Schauspielhaus – diesmal das Antikendrama „Antigone“ von Sophokles. Der Clou: Sie engagierte die Düsseldorfer Rapper Aylin Celik und Ugur Kepenek (sonst eher im Zakk zu erleben). Die beiden schrieben eigene Texte zum Thema Krieg und machen sich ihren Rap-Reim auf die antiken Chöre. Am 9. November ist Premiere. Vorpremieren auf der Münsterstraße 446 sind bereits angelaufen.

Die Theatermacherin Liesbeth Coltof. Foto: Gerard Tonen

Frau Coltof, Sie inszenieren ein Stück über Krieg, Macht und Staatsräson, das Sophokles vor gut 2500 Jahren verfasste. Warum gerade jetzt?

Liesbeth Coltof (in fließendem Deutsch, mit charmantem, leicht holländischem Akzent): Ich suchte ein passendes Stück für unsere Zeit. Antigone fragt sich ja, wie viele junge Menschen heute: Was für eine Zukunft haben wir? Meist sind es heute ganz junge Frauen, wie die amerikanische Menschenrechtsaktivistin Emma Gonzalez (19) oder Greta Thunberg (16), die, wie damals Antigone, protestieren und rebellieren. Sie gehen nicht zur Schule, weil sie glauben, sie haben keine Zukunft mehr. Ich finde das großartig.

Könnte Antigone heute also ein Mädchen wie Greta Thunberg sein?

Coltof: Sie wäre ein Beispiel dafür, wie die Jugend sich auflehnt im Namen der Menschlichkeit. Bei Sophokles geht es zwar um Götter. Wir ersetzen sie durch Menschenrechte und ‚Menschlichkeit’. Sehen Sie: Diktatoren treten die Menschenrechte mit Füßen. Sie berufen sich, wenn sie Gewalt anwenden, auf Staatsräson. Und behaupten, sie wollen Chaos und Anarchie verhindern. So wie König Kreon, der bei Sophokles die kalte Macht symbolisiert.

Kreon wird bei Ihnen von Natalie Hanslik gespielt. Warum von einer Frau?

Coltof: Es geht um Macht – unabhängig vom Geschlecht. Denn Kreon denkt, wenn er sich ändert oder Fehler einräumt, dann denken die Bürger, er sei schwach. Er/Sie kann und will weder Macht abgeben noch Kritik ertragen. Darum geht es uns: zu zeigen, dass (politische) Macht korrumpierbar macht. All’ das macht Antigone sichtbar.

Sie haben einiges am Originaltext verändert, oder?

Coltof: Ja, einige Passagen haben wir verändert, inspiriert durch Texte von Emma Gonzalez. Und die Chöre, die von Rappern gesungen werden. Insgesamt aber bringen wir Sophokles’ Sprache auf die Bühne.In der Hölderlin-Übersetzung, die wir leicht verändert haben. Spannend finde ich die Gegenüberstellung auf der Bühne von Sophokles und Rap.

Wie sind Sie eigentlich zum Theater gekommen?

Coltof: Schon mit acht Jahren hab ich in der Schule eine eigene, kleine Truppe gehabt. Das war immer meine Art, mich der Umgebung mitzuteilen. So bin ich auch, während des Theaterpädagogik-Studiums, immer aufgetreten.
Und hab dann „Linie 9“ gegründet – eine Art Theaterkollektiv. In Holland haben wir unabhängige Gruppen, also eine freie Szene und nicht die Stadt- und Staats-Theater-Tradition (und Förderung) wie in Deutschland. Unsere Produktionen werden ‚gebucht’, in vielen Ländern, in mehreren Sprachen.

Wie funktioniert das?

Coltof: Weil unsere Darsteller alle – neben Niederländisch – auch Englisch, Deutsch und Französisch sprechen.
Das ist üblich bei uns, da auch im Fernsehen kaum synchronisierte Filme laufen, sondern nur mit Untertiteln.

Haben Sie in dem ‚Kollektiv’ selber gespielt?

Coltof: Nur anfangs. Ich habe Stücke geschrieben, inszeniert, Kulissen gebaut, Lampen und Beleuchtung geschleppt.
Das war so üblich. Seit 30 Jahren führe ich nur noch Regie, in Jugendstücken, aber auch (sie schmunzelt) in ‚Erwachsenen-Theater’, wie kürzlich in Dresden („Mit der Faust in die Welt schlagen“).

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