Düsseldorf: Historien-Krimi über Mallorca als Gourmet-Führer

Mallorca-Krimi : Historien-Krimi als Gourmet-Führer

Brigitte Lamberts stellt ihren zweiten Mallorca-Krimi vor. Er ist sauber recherchiert und bezieht den Spanischen Bürgerkrieg in die Geschichte ein.

Nicht nur auf der Iberischen Halbinsel tut man sich schwer mit der Aufarbeitung des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939). Ebenso auf Mallorca. Auf der Deutschen Lieblingsinsel. Genauer: in Inca, Sitz einer alten Schuhfabrikanten-Dynastie, namens Munoz. Zu tief sitzen hier die Wunden, die auch in dieser mallorquinischen Familie geschlagen wurden: Einst trennten sich die Wege der Brüder Alvaro und Esteban. Sie bekämpften sich als Republikaner und Faschisten bis aufs Messer und Pistole. Einige Kinder und Enkelkinder von Tätern und Opfern haben auch noch nach 80 Jahren an diesen Verbrechen zu tragen und geraten in mörderische Konflikte.

So zumindest schildert dies der Polit-Krimi „El Gustario de Mallorca und der tödliche Schatten“, in dem Brigitte Lamberts zum zweiten Mal den Feinschmecker-(spanisch: ‚gustario’)-Journalisten Sven Ruge kreuz und quer über die Insel auf Verbrecher-Jagd schickt. Am liebsten in seinem knarrenden Antik-Porsche. Klar, dass der neugierige, leutselige Hobby-Kriminalist und ‚Everybody’s Darling’ dabei ungewollt (wie schon im ersten Band „Gustario und das tödliche Elixier“) in manche Lebensgefahren schliddert. Und, wie sich’s für spannende Krimis gehört, die Kurve erst in allerletzter Minuten kriegt.

Bis dahin muss sich der Leser gedulden. Doch das fällt nicht schwer; denn die Düsseldorfer Autorin bietet auf knapp 300 flockig geschriebenen Seiten nicht nur einige süffige Mordfälle und Tötungsdelikte, die scheinbar die örtliche Polizei überfordern und somit den gut vernetzten Gastro-Kritiker Sven Ruge auf den Plan rufen.

Der Krimi, der in der kleinen, feinen ‚Edition Oberkassel’ erschienen ist, gibt aber auch einen Einblick in das düsterste Kapitel des Franco-Regimes, in Terror und Bürgerkrieg. Lamberts wechselt die historische und aktuelle Erzähl-Perspektive, verknüpft die Geschehnisse von 1936 und heute und liefert einen Beitrag zur lebendigen Vergangenheit auf den Balearen.

Während ihrer Recherchen stieß sie auf neue Forschungen von spanisch-deutschen Historikern. Der Zufall kam ihr zu Hilfe, als 2016 Archäologen erstmals ein Massengrab in Porreres entdeckten – einer Gemeinde im Südosten von Palma. Sie fanden Gebeine von republikanisch gesinnten Franco-Gegnern, die von Faschisten an die Wand gestellt worden waren  und wie Tiere verscharrt wurden.

Vor einem Jahr konnten dann, so Mallorcas größte Tageszeitung „Ultima Hora“, die ersten Franco-Opfer identifiziert werden. Wenn es die von Lamberts erfundene Munoz-Familie gegeben hätte, wäre vermutlich auch Adrians Leiche gefunden worden. Denn um die Nachfahren genau dieses Mannes, der 1936 nach seiner Hochzeit plötzlich verschwand und mutmaßlich von einem Verwandten ermordet wurde, dreht sich alles in diesem Insel-Thriller. Zumindest knüpft die versierte Krimi-Schriftstellerin an diese Leichenfunde an und schafft neben Manuel, seiner Frau, seinem Freund Paco auch Kunstfiguren, so auch Manuels Tante Antonia, die plötzlich auf der Insel auftaucht, und Manuels heimlichen Gegenspieler und Vetter Alex. So entsteht nebenbei eine kleine, verwobene Familiensaga, die in unserer Zeit mit den Enkeln der Firmengründer Munoz endet.

Doch Krimispannung allein genügt Brigitte Lamberts nicht. Die Autorin, die mehrfach im Jahr auf den Balearen zu Gast ist (u.a. in deutschen Buchhandlungen liest), kennt die Mittelmeerinsel wie ihre Westentasche. So beschreibt sie die Straßen und Stadtviertel zwischen Illetes und Porreres, zwischen Clavia und Santanyi, selbst kleine Dörfer wie S’Alqueria Blanca und S’Horta mit kritischem Blick.

So reichert sie die Story mit regionalen Details an. Und, das ist der Clou: mit typisch mallorquinischen Gerichten. Lamm und Hummer inklusive.

Wen wundert’s? Ausgangspunkt der mysteriösen Verbrechen ist nämlich das Restaurant von Manuel, der sich an der ‚Tour de Menue’ beteiligen will und plötzlich auf ungeahnte Hindernisse stößt. Denn dieser auch in Düsseldorf beliebte Wettbewerb von Restaurants um originelle und Premium-Gerichte hat längst im Sylt des Südens zahlreiche Anhänger gefunden.

Fazit: „EL Gustario de Mallorca und der tödliche Schatten“ bietet mehr als nur einen ungewöhnlich sauber recherchierten Historien-Krimi, der Verbrechen des Spanischen Bürgerkriegs beispielhaft an den Tag befördert. Das Buch kann selbst gut informierten und geübten Mallorca-Touristen gute Dienste leisten – als kleiner Reise- und Gourmet-Führer.

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