1. NRW
  2. Düsseldorf
  3. Kultur

Düsseldorf: Eine mitreißende Show aus dem „Bauchnabel der Welt“

Capitol : Eine mitreißende Show aus dem „Bauchnabel der Welt“

Im Capitol nimmt die Revue-Show „Berlin Berlin“ die Zuschauer mit auf eine Zeitreise ins Berlin der 20er Jahre.

Bubikopf und Hosen-Anzug, Charleston-Kleid mit Fransen und Strapse. Bei den Männern: Knickerbocker und Schiebermütze, oder Smoking, Frack und Fliege. Josephine Baker mit wippendem, güldenem Bananenröckchen, Marlene Dietrich in tailliertem Glitzer-Anzug mit Zigarettenspitze. Daneben: Skandaltänzerin Anita Berber, die die Auftritte ihrer Konkurrentinnen mit böser Häme quittiert. Dazu erklingen amerikanische Jazz-Standards, die im Berlin der 20er aufgesogen wurden, und verruchte Schnulzen, die im Berliner Admiralspalast über die Rampe gingen. Natürlich im verschwenderischen Big-Band-Sound.

Die Zwanziger, sie sind 2020 ganz in Mode, locken weite Publikumskreise. Ein Revival der 1920er Jahre, angekurbelt von der ARD-Serie „Babylon Berlin“, rollt derzeit als Nostalgie-Welle durchs deutsche Entertainment und hat auch Musicalbühnen erreicht. Dort macht den Auftakt zum Trip ins Lebensgefühl von vor 100 Jahren „Berlin Berlin“ – eine Revue-Show im Stil der 20er, die nach Berlin und Köln jetzt im Capitol angekommen ist und mit stehenden Ovationen gefeiert wurde.

Regisseur und Autor Christoph Biermeier lässt sie an der damaligen Laster-Meile Friedrichstraße im legendären „Admiralspalast“ spielen, in dem ab 1923 verwegene Revuen uraufgeführt wurden. Große Bühne mit Revuen-Treppen, auf denen Diven und Gigolos rauf- und runtermarschieren. Der Conférencier in blau-weißer Gala-Uniform, den alle „Admiral“ nennen, leitet den Laden und die Show mit leicht überheblichem Unterton. Martin Bermoser macht daraus eine Mischung aus Hoteldirektor und Zirkusdirektor: Mit Charme, Schmäh und Schmuse-Ton lullt er Zuschauer, Tänzer und Darsteller ein. Nach dem Motto „Willkommen im Bauchnabel der Welt!“ begrüßt der gutaussehende Schuft die „Nachtfalter des Vergnügens“, heizt ihnen ein mit Songs am laufenden Band, Comedy-Nummern, Revue-Girls und Boys.

Zeitsprünge in die frühen 70er Jahre fügen sich in die Show; denn „Cabaret“ mit Liza Minelli löste vor 50 Jahren auch eine weltweite 20er-Jahre- Nostalgie aus. Bejubelt werden die Ohrwürmer „Welcome“ und „Mein lieber Herr“. Nicht weniger die parodistischen Ausflüge ins „Weiße Rössl“ mit Krachlederhosen, karierten Dirndl und Jodel-Einlage. Eine Operette, die 1930 in Berlin uraufgeführt wurde.

Der Gegenspieler des Admirals ist ein Berliner Junge namens Kutte – „wie Nutte, nur mit K“: Er will unbedingt im Sündenpfuhl arbeiten. Als pubertierender Laufbursche oder als Pianist: Sebastian Prange, der waschecht berlinert, hat mit dem „Lachfoxtrott“ die Lacher auf seiner Seite.

Das Potpourri beginnt mit „Puttin on the Ritz“ im knackigen Rhythmus – dank Live-Band von Jeff Throner mit erstklassigen Blechbläsern – und „Bei mir bist Du scheen“. Sie fordern auf, sich schick zu machen. Marlene Dietrich (Nina Janke) ist „Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und „Die fesche Lola“. Während Bertolt Brecht und Kurt Weill über ihre „Dreigroschenoper“ plaudern, erklingt ihre Moritat von Mäckie Messer. In die Reihe der Big Names der 20er passen auch Josephine Baker (Dominque Jackson) und Anita Berber. In der Rolle wirkt Sophia Euskirchen in knallrotem Kleid wie eine bizarre Figur aus einem Expressionisten-Gemälde und ist sängerisch eine Entdeckung. Die zierliche Frau mit großer Stimme brilliert in den Cabaret-Nummern und Songs wie „Stormy weather“.

Nazis und Arbeitslosigkeit setzen dem Übermut ein Ende

Alle sind gekleidet – auch einige Damen und Herren im Publikum - im schicken Vintage-Stil der „Goldenen 20er“. Sie kramen in einer verklärten Zeit. Einen roten Faden gibt es erst nach der Pause, wenn die relativ kurze Epoche von 1925 bis 1930 beleuchtet wird – bevor Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und Nazis dem originellen Übermut ein abruptes Ende setzten. So nutzt man den kurzen, kometenhaften Aufstieg der Comedian Harmonists, die im zweiten Teil mit ihren Weltschlagern zum Mitsummen einen leisen Ton anschlagen – von „Ein Freund, ein guter Freund“ bis „Wochenend‘ und Sonnenschein“.

Doch plötzlich kippt die Stimmung: eine zusammengeschlagene Transe betritt die Bühne, ein Jung-Nazi schreit aus dem Saal gegen die Vergnügungssucht an. Zunächst können sie die Braunen noch wegsingen, doch dann fällt eine riesige Hakenkreuz-Fahne über die Bühne, sie lässt die Stars von vorhin nur noch als Schatten erkennen. Doch mit Beklemmung will man die Zuschauer nicht nach Hause schicken, sondern mit einer Feier der Zeit nach Terror und Krieg.

Fazit: Eine mitreißende Show und zündende Mischung aus Nostalgie, Unterhaltung und politischer Haltung.

Bis 9. Feb. Capitol Theater, Erkrather Straße. Tickets: www.tickets-direkt.de, Hotline: 01806-101011. Tel. Capitol: 0211/ 7344150