Düsseldorf: Ein Meisterkonzert mit kleinen Enttäuschungen

Tonhalle : Ein Meisterkonzert mit kleinen Enttäuschungen

Francesco Tristano verzichtete auf eine Zugabe. Die gab es dann von den Straßburger Philharmonikern.

Zart, zurückhaltend, fast scheu betritt Francesco Tristano das Podium. Verbeugt sich artig, legt seine feingliedrigen Hände auf den Konzertflügel  und legt los – in der zwar nicht ausverkauften, doch beinah voll besetzten Tonhalle. Groß war die Erwartung an dieses Meisterkonzert mit dem gehypten Künstler aus Luxemburg und dem Orchestre Philharmonique de Strasbourg unter Leitung des Slowenen Marko Letonja. Doch Francesco Tristano, der mit fünf Jahren das Klavierspielen begann und mit 13 sein erstes Konzert gab, geht mit Gershwins „Rhapsody in Blue“ so anders um als gewohnt.

Die Locken leicht ins Gesicht geföhnt und mit jugendlichem Look. A bissel androgyn wirkt der 38-jährige Künstler und Vater von drei Kindern auf den ersten Blick. Tristano pirscht sich nicht waghalsig nach vorne, sondern sein Spiel bleibt dezent, fast zerbrechlich. Eine verkaufsträchtige Masche, die zu seiner intellektuellen Gershwin-Interpretation passt. Keine prahlende Pranken-Hauerei, sondern eher feinnervig, leise klingende Passagen bietet er, die manchmal vom satten Big-Sound der Straßburger überdeckt werden. So gibt es mancherlei Überraschungen an diesem Abend.

Nicht nur weil er in den drei Solo-Kadenzen seine Jazz-Begabung voll ausreizt und damit Klischees vom glitzernden Amerika und gängige Hörgewohnheiten dieses Klassikschlagers über Bord wirft – das ist erlaubt, wohltuend und gelingt; denn plötzlich erscheinen die Soli wie Eigenkompositionen und Jazz-Improvisationen. Hinzu kommen verzögerte Tempi, lyrische Verspieltheit und sattes, aber nie durchdringendes Forte und behutsam virtuoses Perlen – all das wirkt apart, manchmal aufgesetzt, leicht parfümiert, klingt eher nach Tristano denn nach Gershwin. Warum eigentlich nicht?

Aber: Überraschung und Unverständnis machten sich breit, als Tristano – trotz begeisterten Applaus’ auch seiner jungen Fans – sich zu keiner Zugabe bereit zeigte. Eine Star-Allüre? Wer weiß? Die meisten Zuhörer hatten jedenfalls darauf gewartet, denn die „Rhapsodie“ dauert gerade mal 17 Minuten. Da kann er ja noch nicht erschöpft sein, denkt man. Mit gefalteten Händen verbeugt und bedankt sich Monsieur, nimmt den Blumenstrauß. Und ab geht’s in die Pause. „Schwaches Bild“, zischt mir eine Besucherin ins Ohr. Sie hätte gerne mehr von ihm gehört. Sie kennt einige seiner zahlreichen CDs mit Mischprogrammen, von Bach bis Strawinsky, aber auch mit Neoklassik und Minimal Music. Für diese musikalischen Grenzgänge wird er international gerühmt. Schade, dass man von all dem gar nichts zu hören bekommt. Sei’s drum.

Eine Zugabe von Bizet hatte stattdessen am Ende des Konzerts dann das Opern- und Philharmonische Orchester der EU-Stadt Straßburg parat. In großer Besetzung hatten sie einiges zu bieten – zumal auch sie, wie viele französische Orchester bei Auslands-Gastspielen, mit Georges Bizet und Maurice Ravel auf ein rein französisches Programm setzten. Das beherrschen die Straßburger, haben exzellente Holz- und Blechbläser an allen Pulten, die mit Eleganz und differenziertem Schönklang überzeugen.

Eine schillernde Farbpalette mit Vogelzwitschern und Bachsäuseln

Sie zelebrieren genüsslich Breitwandformat und langsame (aber nicht schleppende) Tempi, zunächst in Bizets „Carmen-Suite Nr. 1“, voll von Schlager-Melodien aus der gleichnamigen Musikdrama. Mit Stil und Raffinement breiten sie später in Ravels Ballett-Suite aus „Daphnis et Chloé“ eine reichhaltige, schillernde Farbpalette aus. Vogelzwitschern und Bachsäuseln, aber auch gleißende Lichtstrahlen und rauschende Wellen untermalen und entfachen die Liebesgeschichte zwischen dem Hirten Daphnis und der Nymphe Chloé.

Für Ruhe und Verklärung sorgen sie dann in Ravels Ohrwurm-Adagio (Pavane pour une infante défunte), eine Art Trauermarsch, bevor sie im Finale mit dem ‚Boléro’ noch mal so richtig einheizen.