Düsseldorf: Dirty dancing kommt ganz brav und bieder daher

Musical : Dirty dancing – aber ganz brav und bieder

Nostalgische Bühnenshow des Kultfilms von 1987 im Capitol. Viel Applaus bei der Premiere.

Die Dialoge können die meisten mitsprechen. Ebenso manche Hits mitsummen. So z.B. „Time of my life“. Wen wundert’s? Der Song – wohl der berühmteste des Tanzfilms „Dirty Dancing“ - gewann immerhin 1988 einen Oscar. Und die nahezu klassische Lovestory zwischen dem Tanzlehrer Johnny Castle und dem Arzt-Töchterchen Frances Houseman, die alle ‚Baby’ nennen, ist einer der weltweit erfolgreichsten Filme der späten 1980er Jahre. Genauer: Tanzfilme. Denn getanzt wird viel und heftig - im Ferienparadies in den Catskill Mountains, in denen sich Boys und Girls besonders gerne in Mambo, Merengue und knalligen kubanischen Rhythmen wiegen. Am Liebsten engumschlungen, rollende Hüfte an rollender Hüfte, Mund an Mund….So wie es in den 1963 Jahren nicht nur in den USA üblich war. In dieser Zeit schwelgt der Streifen von 1987. Er war Kult.  Und ist es bis heute.

Die politischen Konflikte der 60er Jahre sind weit weg

Gilt das auch für die deutsche Bühnenfassung (Regie: Alex Balga), die jetzt, mit dem Untertitel „Das original Live on tour“, bis 10. Februar im Capitol gastiert? Wohl weniger. Denn: Heute, 30 Jahre nach dem ‚Dirty-Dancing-Fieber’, ist die nächste Generation herangewachsen. Die Kinder derer, die damals für den gemeinen, ultra selbstbewussten und ‚dirty’ Johnny und das liebe ‚Baby’ geschwärmt haben und jeden der schönen alten Latin-Songs in- und auswendig kennen.

Für sie sind politische Konflikte der 1960er, die in der Show angesprochen und eingespielt werden, weit weg. Der Kampf für Gleichberechtigung der Afroamerikaner von Martin Luther King, Kubakrise und der Mord an John F. Kennedy. Das sind Themen, die die Smartphone-Generation vielleicht aus dem Geschichtsunterricht oder aus Wkipedia kennen, damit aber nicht mehr das poppige Lebensgefühl verbinden wie ihre Eltern. Es könnte sein, dass sie sie anders empfinden - diese nette, biedere, liebevolle, aber a bissel provinziell angestaubte Inszenierung mit rollenden Treppen, Türen und Tischen aus dem Musical-Bilderbuch. Bestimmt nicht als knisternd, umwerfend und gar als ‚dirty’. Eher als sentimental oder als Nostalgie der Nostalgie. Warum nicht?

Viele Premieren-Besucher lauschen, vermutlich in Jugenderinnerungen schwelgend, den heiteren, manchmal aufgekratzten Szenen, in den gestriegelte Möchtegern-Gigolos heftig flirten mit College-Mädchen. Am meisten Applaus ernten die Evergreens einiger überragender Gesangssolisten (wie Gloria Wind, Dennis LeGree, Chayenne Lont etc.), die mit Songs am meisten die Emotionen ‚rüberbingen. Und die Parodienummern von ‚Babys’ Schwester Penny, die im Bastrock die Sau raus lässt. Klar, dass Petra Ilse Dam, die in dieser Rolle als Ulknudel alle an die Wand spielt, mit Pfeifen und Johlen gefeiert wird. Mehr als die Hauptdarsteller.

Dirty’, wie im Klischee von damals, sollte eigentlich Johnny über die Rampe kommen. Doch Luciano Mercoli überzeugt nur als Tänzer in dieser Partie. Er ist zwar schön und edel von Gestalt: das weibliche Publikum pfeift vor Begeisterung, wenn er das enge Shirt abstreift und seinen gut trainierten, wohl definierten Oberkörper zeigt.

Doch nimmt man ihm nicht den leicht aggressiv auftrumpfenden Gigolo und eiskalten Casanova ab, der reihenweise den Frauen der Oberen Zehntausend den Kopf verdreht und sich damit gut über Wasser halten kann. In diesen Szenen wirkt Mercoli hölzern, manchmal schüchtern. Ebenso in den Liebesszenen mit ‚Baby’. Da bleibt’s jugendfrei. Komplett.

Die Beste im Spiel-Ensemble ist Victoria Kaspersky als ‚Baby’. Anfangs naiv, rein, artig und von Pappi behütet. Mit sozialem Tick: sie hilft all’ denen, die in Schwierigkeiten geraten. Sogar mit Geld ihres Vaters. Sie passt eigentlich nicht ins Beuteschema des gelernten Draufgängers Johnny. Die Wandlung hin zu einer Tänzerin und selbstbewussten Frau, die sich in Johnny verliebt und für ihre Liebe bereit ist, das warmgemachte Nest der Eltern zu verlassen, macht Kaspersky glaubhaft.

Ebenso die Art, wie sie sich langsam vom ungeschickten Mauerblümchen zur perfekten Tänzerin entwickelt. Hut ab!

Wem ist die Show zu empfehlen? Weniger denen, die eine knisternde Tanzshow oder ein Musical erwarten. Noch weniger denen, die den Film zig Mal gesehen haben und damit vergleichen. Eher denen, die gerne eine nostalgische Seifenopern-Liebe mit fliegenden Tüllröcken live erleben wollen.

Bis 10. Februar im Capitol, Erkrather Straße. Sa. und So. zwei Vorstellungen. TEL: 01805/ 2001, 0221/ 57790.

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