Düsseldorf: Der Auftakt des Impulse-Festivals

Freies Theater : Auftakt: Turnfest trifft Gardetanz

Die Eröffnung des Impulse-Theater-Festivals widmet sich zwei besonderen Traditionen.

Die Uniformität von sich synchron bewegenden Körpern ist zweifelsohne ein Faszinosum. Doch gerade die starke Suggestivkraft, die von großen (uni)formierten und in Traditionen eingebundenen Choreografien – sowohl für die Ausführenden als auch für die Betrachter – ausgeht, steht und stand immer wieder unter gewissem Verdacht. Assoziationen zur Gleichschaltung, zu militärischen Konnotationen, zu der Formung eines „Volkskörpers“ sind unvermeidbar.

Zwei Phänomenen, die jedoch trotz ihrer Ähnlichkeit nicht unterschiedlicher sein könnten, widmet sich die Eröffnung des Impulse-Theater-Festivals in den Räumen des Tanzhauses NRW. Am Donnerstag verwandelt sich das Tanzhaus zunächst in eine „Karnevalssitzung“, um schließlich Raum für ein „Turnfest“ zu bieten. Indes werden beide gezeigten Arbeiten sich diskursiv mit dem jeweiligen Phänomen, einerseits dem gemeinsamen Turnen und andererseits dem traditionellen rheinischen Gardetanz, auseinandersetzen. Wichtig hierbei zu erwähnen ist allerdings, dass gerade der Gardetanz eine ironische Brechung schon in sich impliziert, selbst ein Kommentar auf übertriebene militärische Gleichschaltung ist.

Ab 19 Uhr werden zunächst ausschnittweise Passagen aus der choreografischen Recherche der für ihre sensiblen Meta-Ansichten von Traditionen bekannten israelischen Choreografin Reut Shemesh zu sehen sein. In „Witness“ ist sie in die Welt des Gardetanzes eingetaucht, ganz explizit mit Tänzerinnen der Tanzgarde der Karnevalsfreunde der katholischen Jugend Düsseldorf (Tanzgarde der Laundeshauptstadt). Ihr Dialog mit der Ästhetik des Gardetanzes hat sie in verschiedenen Medien festgehalten, in Fotografien, Text inklusive Interviews und eben jener Performance, die in eigens adaptierten Ausschnitten zwischen den Eröffnungsreden gezeigt wird.

Hauptaktion – eine Kompanie und Produktionsplattform – widmet sich ab 20.30 Uhr dem Phänomen des Turnens. Acht Performer führen ein Schauturnen auf, das sich emphatisch mit der ambivalenten Funktion des Turnens in der deutschen Geschichte auseinandersetzen möchte. Hierbei soll das gemeinsame synchrone Turnen nach bestimmten Regeln als ein Sinnbild für eine Gemeinschaft – für „Deutschland“ – fungieren. Einerseits zeichnet die Performance die Geschichte des Phänomens – bis in Anfänge mit Friedrich Ludwig Jahn im frühen 19. Jahrhundert – nach, wagt aber auch einen Blick in eine unbekannte Zukunft und in die Aktualität am Beispiel eines Turnfestes im Jahr 2017, das unter dem Motto stand: „Wie bunt ist das denn!“ Zugehörigkeit, Leistung und Ausgrenzung als Motiv gemeinschaftlicher Bewegung.

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