Düsseldorf: „Das Unheil“ nimmt seinen Lauf

Filmkunst : „Das Unheil“ nimmt seinen Lauf

NRW-Premiere von John Bocks filmischer Mittelalterfiktion in der Julia Stoschek Collection in Düsseldorf.

Filme über Künstlerpersönlichkeiten und Künstlerklischees erfreuen sich aktuell besonderer Beliebtheit. Man denke etwa an „Werk ohne Autor“ von Henckel von Donnersmarck, ein Film, der sich ungeniert der Biographie von Gerhard Richter bedient. Experimentelle Filme von Künstlern und Künstlerinnen hingegen gehören wohl immer noch zu den größeren Herausforderungen im Kunstbetrieb. War das der Grund dafür, dass die Stuhlreihen am Samstagabend in der Stoschek Collection erstaunlich leer blieben? Oder war der Terminkalender in der Art Cologne-Woche für viele zu dicht? Zu Programm stand der neue Film „Unheil“ (2018) von John Bock. International bekannt ist der Künstler seit den 1990er Jahren für seine sprachgewandten Gattungsüberschreitungen zwischen Skulptur, Installation, Performance und Film.

Die Sammlerin Julia Stoschek begrüßte den Künstler persönlich zur NRW Premiere in ihrem Haus. Insgesamt dreizehn Arbeiten hat sie in den letzten fünfzehn Jahren von dem Wahlberliner erworben und auch den Film kräftig mitfinanziert. Angefangen hatte Bock in Hamburg mit performativen Vorträgen ganz in der Tradition von Joseph Beuys. Die begann er dann zu filmen und mit bizarren Material- und Sprachexperimenten zu kombinieren. Später sind es aufwendige Installationen, in denen die Besucher in waghalsigen Holzkonstruktionen herumklettern müssen, um darin integrierte Kunstwerke zu finden. „Unvergesslich die aufwendige und riesige Architektur für ‚Lütte mit Rucola‘ von 2006, damals im 3. Stockwerk des noch neuen Gebäudes an der Schanzenstraße 54“; so die Sammlerin. In dieser Installation inszenierte der Künstler rituelle und erschreckend blutige Gräueltaten, die er wortreich erläuterte.

Bocks skurrile, groteske und makabre Ideen auf engstem Raum sind oft schwer zu verdauen und bisweilen äußerst ekelig. Das hindert aber weder Kuratoren, Produzenten, noch Schauspieler daran, sich der herausfordernden Selbsterprobung Bocks zu stellen. Die Besetzung von „Unheil“ ist nicht nur prominent, sondern passt auch perfekt. Die Hauptfigur spielt Effi Rabsilber. Lars Eidinger und Frank Seppeler sind wieder dabei. Vorher hatten beide bereits bei dem Western „Hells Bells“ von John Bock mitgemacht. Eidinger trägt manchmal ein von Bock designtes Jackett. Die gemeinsame Fernsehperformance für das „Aspekte-Studio“ von 2016 kann man sich online anschauen.

Der gut 90minütige Film „Unheil“ nimmt vor der Kulisse eines mittelalterlichen Dorfs seinen Lauf. Gedreht wurde im „Ukranenland“, in der mittelalterlichen Slawensiedlung in Torgelow. „Da war fast alles, was ich brauchte, Hütte und Wald, bereits vorhanden“, so der ungewöhnlich wortkarge John Bock bei der Einführung. Zahllose Requisiten und Objekte hatte er dennoch mitgebracht. Die Arbeit an der Maske ist hervorragend.

Zur Handlung: Eine Mutter (brillant gespielt von Effi Rabsilber) soll ihr krankes Kind (Jose Marlit Schneider) dem Wald opfern. Sie verweigert sich der Aufforderung des Dorfchefs (Frank Seppeler), doch die Tochter verschwindet spurlos. Stattdessen erscheint ein Fremder (Lars Eidinger), nackt aus dem Wald geboren, mit rätselhaften schamanischen Fähigkeiten, der ihr bei der Suche nach ihrem Kind helfen soll.

„Es würde ein Skript geben“, erläutert Bock, „die Schauspieler hätten den Text zu lernen.“ Lars Eidinger tut dieses meist erst eine halbe Stunde vor dem Dreh. Ohne Untertitel hätte man ihn dennoch nicht verstanden. Vom Waldboden gezeugt, spuckt der Schamane auf der Suche nach zu Worten werdender Erkenntnis unentwegt Erde und Torf. Rätselhafte Wortschöpfungen sind zentrales Thema des Films. „Ich spreche den nahrhaften Gedanken aus, den du ausbrütest“, sagt Eidinger zur Mutter, sobald sein Mund etwas erdfrei ist. Mit merkwürdigen Objekten, skulpturalen Hilfsmitteln und Werkzeugen folgt ein Beschwörungsritual nach dem anderen.

Immer wird gegessen, gelöffelt, mal Quark mit Sahne, mal eruptiver Schleim oder Brei, der sich dann wieder entäußert. Frank Seppeler als Dorfchef besitzt eine hölzerne Figur, einer Mumie ähnlich, aus der er bei Bedarf rotes Fleisch herauszieht. Eitrige Blasen, wie am Hals der Tochter, müssen schmerzhaft zerstochen werden. Doch nicht nur aus menschlichen Körpern quillt es hervor. Schwarze Gallertmasse fließt auch von Bäumen, ebenso das Blut aus dem Mund der verlorenen Tochter, die sich in einer gruseligen Beschwörungsszene laut knackend alle ihre Zähne ausbricht, eine der unheilvollsten Szenen im Film, der für ein zu junges Publikum nicht zu empfehlen ist.

Am Ende ist der ganze Spuk über Aberglauben, Abgründiges und Angst vor dem Abweichenden natürlich wieder viel zu lang. Mit einer dem Kino gerechten Narration hat Bock nichts im Sinn. Und man ist froh, dass auch das fiktive Mittelalter längst vorbei ist.

Mehr von Westdeutsche Zeitung